Pressemeldung 26-03-26
„Sargassum – Fluch und Segen“
Neue Sonderausstellung im Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt eröffnet am 27. März 2026
Artenreicher Lebensraum oder Umweltplage im Klimawandel? Kilometerlange Teppiche der Braunalge Sargassum treiben über den Atlantik. Im offenen Meer bieten sie einen vielfältigen Lebensraum, an vielen Küsten der Karibik werden sie jedoch zur ökologischen Herausforderung: Schildkröten verenden, Korallenriffe sterben und Menschen klagen über gesundheitliche Probleme. Die neue Sonderausstellung „Sargassum – Fluch und Segen“ zeigt vom 27. März bis 18. Oktober 2026 im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt die zwei Gesichter der faszinierenden Alge. Im Mittelpunkt steht der Film „Beyond Sargassum“, der Forschende an der Karibikküste begleitet. Originalexponate und Modelle der Meerespflanze samt ihrer vielfältigen Mitbewohner ergänzen die Ausstellung.
„Sargassum gehört zu den ambivalentesten Ökosystemen der Meere“, sagt Dr. Torben Riehl, Meeresforscher am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Im offenen Meer bildet die Braunalge eine Art freischwimmenden Wald, in dem zahlreiche Tiere leben. Gleichzeitig kann sie, wenn sie in großen Mengen an die Küsten gelangt, erhebliche ökologische Probleme verursachen.“ Seit etwa 2011 treiben ungewöhnlich große Mengen der Braunalge durch den Atlantik und werden regelmäßig an die Uferregion der Karibik und des Golfs von Mexiko gespült.
„Der rund zehnminütige Film, der im Zentrum der Ausstellung steht, begleitet Wissenschaftler*innen an die Strände von Puerto Morelos in Mexiko, wo sich die Auswirkungen von Sargassum besonders deutlich zeigen. Er basiert auf Kontakten meiner Forschung vor Ort und wurde in Zusammenarbeit mit ‚TAPI Story‘ realisiert, die auf die Dokumentation sozial-ökologischer Transformationsprozesse spezialisiert sind“, erläutert Mitkuratorin Jun.‑Prof. Dr. Laura Otto von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und erklärt: „Während treibendes Sargassum ein wichtiges Habitat für verschiedene Fische, ein Laichgebiet und ein Schattenspender für Meereslebewesen ist, ist die Liste seiner negativen Eigenschaften an den Küsten lang.“ Beim Zersetzen entziehen die Algen dem Wasser Sauerstoff und verändern den pH-Wert, die Temperatur und die Wasserqualität. Dadurch entstehen lebensfeindliche Bedingungen: Korallenriffe werden geschädigt, Fische und Wirbellose, wie Korallen und Oktopusse, sterben und werden tot angespült. Das früher weitverbreitete heimische Seegras, das wie weite Prärien wirkte, ist heute vielerorts weitgehend verschwunden. Zudem erschwert die Alge Meeresschildkröten den Weg zu ihren Nistplätzen. Auch auf sozio-ökonomische Faktoren, wie Tourismus oder die lokale Wirtschaft, hat die massive Algenblüte negative Auswirkungen.
Im offenen Meer treibt Sargassum frei an der Wasseroberfläche und wird von Meeresströmungen über weite Strecken transportiert – vom tropischen Atlantik zwischen Westafrika und Nordbrasilien über die Karibik bis in den Golf von Mexiko. Unter idealen Bedingungen kann die Alge auf ihrer Reise ihre Biomasse in fünfeinhalb Tagen verdoppeln. Mit ihren gasgefüllten Bläschen bleiben sie an der Oberfläche und bilden dichte Teppiche – eine seltene Struktur im ansonsten offenen Ozean. „Dort bietet SargassumLebensraum und Schutz für zahlreiche Organismen: Mehr als 100 Fischarten sowie rund 140 Arten von Wirbellosen, Epiphyten und Hydrozoen wurden in den dichten Algenmassen nachgewiesen. Zwischen den Blättern finden kleine Fische, Shrimps, Krabben oder Würmer Nahrung und Versteckmöglichkeiten“, erklärt Otto.
„Sargassum ist nicht einfach nur Problem oder Ressource. Es ist beides – und zeigt, wie komplex ökologische Zusammenhänge im globalen Ozean sind. Zugleich haben Menschen in den betroffenen Regionen unterschiedliche Strategien entwickelt, um mit der Alge umzugehen. Das möchten wir auch auf der begleitenden Webseite (https://algae-ambivalences.com/) zum Projekt verdeutlichen“, resümiert die Forscherin, die auch die sozialen und kulturellen Dimensionen des Phänomens aus ethnologischer Forschungsperspektive betrachtet.
Neben dem Film können Besuchende die Alge und zahlreiche ihrer tierischen Mitbewohner anhand von Originalexponaten und Modellen ganz aus der Nähe betrachten. Ein vielfältiges Begleit- und Bildungsprogramm ergänzt die Ausstellung. Weitere Informationen dazu auf der Webseite des Museums unter:
https://museumfrankfurt.senckenberg.de/de/kalender/
Die Ausstellung ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts „Algen (Un-)Sichtbar-Machen: Tourismus, Verantwortung und Governance in der Karibik“. Gefördert wird die Ausstellung durch die Johanna Quandt Young Academy sowie die Senckenberg Ocean Species Alliance.