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Kontrast

Story

Eine U-Bahn, vier Gesichter – Forschung in Bewegung

Ein Einblick in die Arbeit von vier Senckenberger*innen

Mitten im urbanen Rhythmus Frankfurts rollt eine U-Bahn durch die Stadt. Auf ihren Wänden: vier Gesichter, vier Forschungswelten. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung bringt Wissenschaft sichtbar ins öffentliche Leben – und stellt jene in den Mittelpunkt, die sonst meist hinter Mikroskopen, in Archiven arbeiten oder die Vielfalt auf der Erde erkunden.

Forschung beginnt mit einer Frage, wächst durch Neugier und endet nie. Jede Erkenntnis öffnet neue Türen. Doch wer sind die Menschen, die diese Arbeit tragen? Was macht für sie ihren Job so besonders und wie sind sie dazu gekommen? In persönlichen Gesprächen geben Ekin Tilic, Mónica Solórzano-Kraemer, Linda Mogk und Omar Rafael Regalado Fernández Einblicke in ihre wissenschaftliche Arbeit und ihre individuellen Wege zu Senckenberg.

„Es sind die Momente, in denen man ein Tier entdeckt und weiß: Niemand hat es zuvor gesehen. Ich bin die erste Person. Das macht meine Arbeit für mich besonders.“

Dr. Ekin Tilic, Leiter der Sektion Marine Evertebraten II

Das Meer war schon immer Teil seines Lebens. Ekin Tilic wuchs in der Türkei auf und verbrachte seine Jugend am Mittelmeer – tauchend und suchend nach Nacktschnecken, die ihn faszinierten. Während seines Studiums an der Universität Bonn interessierte er sich für marine Wirbellose

Von Zombiewürmern, die Walknochen mit Säure zersetzen, bis zu Wesen, die das Meer durch Biolumineszenz zum Leuchten bringen: Die Tiefsee birgt eine unglaubliche Vielfalt an Leben. Einen Lieblingswurm bei der Auswahl zu finden? Seine Antwort: „Es ist immer der Wurm, an dem ich gerade arbeite.“ Aktuell liegt eine neue, noch namenlose Art in seinem Büro.

Wie findet man einen Namen für eine neue Spezies? Ekin erklärt, dass es dafür internationale Vorgaben gibt. „Außerdem sollte man ein Tier nicht nach sich selbst benennen“ sagt er mit einem Augenzwinkern. Jedoch ist es Forscher*innen erlaubt, neue Arten nach ihren Kolleg*innen zu benennen. Ekin wurde diese besondere Ehre zuteil: Gemeinsam mit einem Forschungsteam entdeckte er neue Arten von Tiefsee-Schnurwürmern (Nemertea) und etablierte dabei eine neue Gattung: Alvinonemertes. Als später ein weiteres Forschungsteam eine zusätzliche Art dieser Gattung identifizierte, wurde sie ihm zu Ehren auf den Namen Alvinonemertes tilici getauft.

„Das Leben im Meer erforschen und neue Arten entdecken und beschreiben.“

So fasst Ekin seine Arbeit in einem Satz zusammen. Seit zweieinhalb Jahren ist er Teil der Senckenberg-Gesellschaft. Was ihn besonders stolz macht, ist das Engagement seines Teams. Neben der Forschung bei Senckenberg ist Ekin auch als Privatdozent an der Universität Bonn tätig. Die Verbindung aus Forschung und Museum sieht er als große Stärke, denn Wissenschaft muss sichtbar und der breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Um sie zu schützen, gilt es, sie zu erforschen und zu verstehen. Die Tiefsee ist noch weitgehend unerforscht. Gerade bei marinen Wirbellosen entdeckt die Forschung regelmäßig neue Arten, deutlich häufiger, als man vermuten würde. Mithilfe modernster Methoden wie der Molekulargenetik lassen sich selbst die kleinsten und seltensten Vertreter dieser Tiergruppe identifizieren und beschreiben. Dank Wissenschaftler*innen wie Ekin rücken auch diese verborgenen Lebensformen ins Licht der Öffentlichkeit.

„In Madagaskar waren die Leute superneugierig. Wieso sammeln wir Baumharz? Wir wollten etwas Anschauliches machen, das erklärt, was wir tun und warum Baumharz in ihrer Heimat so spannend ist.”

Dr. Mónica Solórzano-Kraemer, Leiterin der Sektion Bernsteinforschung bei Senckenberg

In Bernstein eingeschlossene Insekten sind wie Zeitkapseln, eingefrorene Augenblicke aus längst vergangener Zeit. Auf Mónicas Arbeitstisch liegen Millionen Jahre alte Fundstücke, die sie als Paläontologin bei Senckenberg untersucht. Ein Forschungsfeld, das für Außenstehende zunächst rätselhaft wirken mag. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie sogar einen Comic veröffentlicht, um den Bewohner*innen Madagaskars ihre Forschung anschaulich näherzubringen und offene Fragezeichen zu klären.

Als Kind hatte Mónica ganz andere Träume: Turnerin, Künstlerin oder Tänzerin werden. Naturwissenschaften waren nicht unbedingt ihre Lieblingsfächer, doch die Faszination für Insekten ließ sie nie los. „Schon als Kind habe ich Schmetterlingslarven gesammelt. Irgendwann sind sie zu Schmetterlingen geworden die in meinem Zimmer umherschwirrten. Das waren besondere Momente“, erinnert sich Mónica.

„Ich beschreibe fossile Insekten, die vor Millionen Jahren gelebt haben, und untersuche, wie unterschiedliche Harze als Insektenfallen fungierten.“

An Universidad Autónoma Chapingo in México studierte sie Parasitologie. Dort weckte ihre Professorin das Interesse am Bernstein, insbesondere am Chiapas-Bernstein. Die Region Chiapas ist nicht nur für seinen Regenwald bekannt, sondern auch für seine beeindruckende Biodiversität und kulturelle Vielfalt.

Die Perfektion und Ästhetik des Bernsteins und seine eingeschlossenen Insekten faszinieren Mónica immer wieder aufs Neue. „Manchmal bin ich geradezu überwältigt von den unzähligen Möglichkeiten, die Bernstein bietet. Meine liebsten Exemplare sind auch immer die, an denen ich gerade forsche,“ erzählt Mónica.

„Was wir kennen, können wir besser schützen. Wir müssen die Vergangenheit verstehen, um die heutige Vielfalt zu bewahren.“

Die Forschung an Bernstein ist einer der vielen Schlüssel, um die Evolution der Insekten und die Funktion urgeschichtlicher Ökosysteme zu verstehen. Die große Herausforderung besteht darin, so Mónica, die Bruchstücke von gestern und heute zusammenzuführen und damit ein vollständiges Bild der biologischen Vielfalt zu zeichnen.

„Schlangen besitzen durch ihre einzigartige Anatomie und ihren besonderen Bewegungsstil eine Anmut, die sie zu faszinierenden Erscheinungen macht. Und das nicht nur an Land, sondern auch in Baumkronen oder im Wasser.“

Linda Mogk, technische Assistentin in der Sektion Herpetologie des Forschungsinstituts in Frankfurt

Reptilien und Amphibien faszinieren durch ihre Artenvielfalt, ihre Lebensweisen und ihr oft ungewöhnliches Aussehen – gleichzeitig lösen sie bei vielen Menschen Angst aus. „Manchmal rufen uns besorgte Menschen an, die eine Schlange im Garten sehen. Einem Anrufer konnte ich erklären, dass man sich in Deutschland nicht ernsthaft vor Schlangen fürchten muss und er eine nette harmlose Ringelnatter im Garten hat.“ Ihr Tipp: Er kann sich über seinen naturnahen Garten freuen und muss nichts weiter tun. Später meldete sich der Anrufer tatsächlich nochmal und erzählte, dass er hofft, die Schlange mal wiederzusehen.

Keine Schlangentherapeutin, sondern technische Assistentin in der Herpetologie am Senckenberg-Forschungsinstitut: Linda wollte nach der Schule relativ schnell selbstständig sein und entschied sich für eine Ausbildung an der Senckenberg-Schule. „Ich bin eher der praktische Typ und wollte nicht studieren, aber in der Wissenschaft tätig sein.“ Ein Volontariat in der zoologischen Präparation am Landesmuseum Hannover folgte, bis sie nach Frankfurt zurückkehrte. Bereits in ihrer Ausbildung lernte sie die Herpetologie mit ihrer vielfältigen Sammlung und den lebenden Tieren am Institut lieben.

„Ich betreue die wissenschaftlichen Sammlungen, katalogisiere und inventarisiere die Objekte, die meine Kolleg*innen neu in die Sammlung bringen.“

Manchmal heißt das aber auch, sich durch 200 Kisten mit Material aus ab den 1940er Jahren zu arbeiten und die Funde in der Datenbank zu dokumentieren. Oder auch molekulargenetische Analysen durchzuführen, auf deren Grundlage Wissenschaftler*innen neue Arten beschreiben können.

„Es sind viele kleine Sachen die meinen Job abwechslungsreich machen. Und man lernt so viele Menschen kennen.“

Durch internationale Kooperationen erweitert Linda ihren Blick über Frankfurt hinaus: durch die Interaktionen mit Gastforscher*innen aus der ganzen Welt eröffnen sich neue Perspektiven. So wachsen auch Sammlungen heran, die Reptilien und Amphibien für Forscher*innen aus aller Welt zugänglich machen. Lindas akribische Arbeit bildet dafür die Basis und stellt sicher, dass wir diese faszinierenden Tiere nicht nur bewahren, sondern auch wirklich verstehen.

„Ich habe es zu meiner Mission gemacht, die verstreuten Fossilien eines Dinosauriers zu finden und das Puzzle zu lösen. Am Ende bestätigte sich meine Theorie: Wir haben einen neuen Saurier entdeckt.“

Dr. Omar Rafael Regalado Fernández, Kurator am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

In seinen ersten beiden Jahren am Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen drehte Omar die paläontologische Sammlung buchstäblich auf den Kopf. Dabei entdeckte er, dass zahlreiche Knochen fälschlich Plateosauriern zugeordnet worden waren. Geboren war der Tuebingosaurus maierfritzorum. „Das war ein Schlüsselmoment für mich, in dem mir bewusst wurde, wie wichtig meine Aufgabe ist.“

Als Paläontologe und Kurator verbindet Omar die Forschung und Vermittlung. Im Museum untersucht er Fundstücke und legt ein digitales Archiv für Kolleg*innen weltweit an. Zugleich gestaltet er die Museumsausstellungen, indem er seine neusten Ergebnisse präsentiert.

„Meine Forschung fließt mit in die Ausstellungen ein. Ich überlege, wie man die Ergebnisse einem breiten Publikum zugänglich machen kann. Denn die Museumstexte müssen unmittelbar das Interesse der Besucher*innen wecken.“

Schon als Kind war Omar von Dinosauriern fasziniert und pauste Illustrationen der Riesenechsen aus Büchern ab. Eine Karriere in diese Richtung war vorerst nicht der Plan. Während seines Biologie- und Geologiestudiums an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko stieß Omar eher zufällig zur Paläontologie. Als er erfuhr, dass die Paläontologische Sammlung der Fakultät für Naturwissenschaften eine Hilfskraft suchte und sich zugleich die Möglichkeit einer Dissertation bot, nutzte er die Gelegenheit.

„Von Bekannten und Freunden höre ich oft: ‚Du hast den Job, von dem ich als Kind träumte.‘ Daraufhin frage ich: ‚Warum hast du es dann nicht gemacht?‘ Manche sagen, es sei kein richtiger Beruf.“

Paläontologie ist nicht nur Forschung – und nach dem Studium führt der Weg nicht zwangsläufig zu einer Professur. Wie viele andere Berufe ist auch der einer*s Paläontologin*en vielseitig. Das möchte Omar Eltern und Lehrer*innen mitgeben: Es ist einer von vielen Wegen, die man einschlagen kann. Für Omar ist es jedenfalls der richtige gewesen: Jeder neu entdeckte Knochen fügt dem großen Puzzle der Biodiversität ein weiteres Teil hinzu.

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