Senckenberg-Thema

Insektensterben: Was tun?


Weltweit ist das Insektensterben in vollem Gange. Wieso der Mensch als Hauptverursacher dieser problematischen Entwicklung gesehen wird, und welche Auswirkungen der Rückgang der Insekten hat, erklärt Dr. Viola Clausnitzer in einem Interview mit der Senckenberg Onlineredaktion. 

Frau Dr. Clausnitzer, Sie sind Insektenforscherin – was genau erforschen Sie?

Mein Hauptarbeitsgebiet sind Biogeographie und Ökologie der Libellen Afrikas. In den letzten Jahren habe ich mich aber vor allem mit dem Gefährdungsstatus von Libellen im Rahmen der globalen IUCN/SSC Roten Liste befasst und war an Erfassungen weltweiter Key Biodiversity Areas beteiligt.

Für die IUCN Rote Liste haben Sie 2016 die erste globale Erfassung einer Insektenordnung, der Libellen, durchgeführt. Wie geht es den Libellen heute, und hat dieses Projekt Ideen für die Maßnahmen gegen das allgemeine globale Insektensterben geliefert?

Wie fast alle Arten leiden auch die Libellen weltweit an Habitatzerstörung, hier insbesondere Gewässerverschmutzung. Die Wasserqualität hat sich in Deutschland zwar in den letzten Jahrzehnten eher verbessert, aber global betrachtet ist Wasserverschmutzung ein drastisch wachsendes Problem. Auch die Zerstörung und Veränderung von wertvollen Lebensräumen, wie z.B. Abholzung von Wäldern oder die Verbauung von Fließgewässern, lassen Populationen und Arten immer weiter zurückgehen. Für viele Libellenarten liegen recht gute Daten zur Verbreitung vor und da gibt es mittlerweile schon sehr viele Beispiele von Populationen und Lebensräumen, die in den letzten 20 Jahren verschwunden sind.

Was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff „Insektensterben“?

Unter Insektensterben versteht man den Rückgang von Individuen, also der Anzahl und der Biomasse von einzelnen Arten. Besonders drastische Daten haben wir zu Rückgängen bei blütenbesuchenden Insekten, also den „Bestäubern“.

Worin liegen die Hauptgründe des Insektensterbens und wieso ist die massive Abnahme der Insektenbestände so problematisch für unser Ökosystem?

Der Hauptgrund ist das Handeln der Menschen. Wir breiten uns auf diesem Planeten auf Kosten der anderen Arten aus und nutzen einen Großteil vorhandener Ressourcen. Selbst die verhältnismäßig kleinen Insekten müssen uns weichen. Meist zerstören wir ihre Habitate und nehmen ihnen damit die Lebensgrundlage. Problematisch ist, dass Ökosysteme aus sehr komplexen Nahrungsnetzen bestehen und die meisten Arten voneinander abhängig sind. Der Rückgang einer Art kann Auswirkungen auf sehr viele und/ oder ganz andere Arten haben und letztendlich auch auf den Menschen. Gehen bestäubende Insekten zurück, gibt es weniger Früchte und Samen für wiederum ganz andere Arten.

Ist der Rückgang bei einer speziellen Art besonders drastisch?

Vor allem blütenbesuchende Fluginsekten sind in den letzten Jahren in den Fokus gerückt. Schwebfliegen, Kurzflügelkäfer, Hummeln, solitär-lebende und staaten-bildende Bienen und Wespenarten gehören dazu. Aber auch andere Fluginsekten, Zikaden und Heuschrecken sind zurück nachweislich zurückgegangen, gleiches gilt für die Gewässer-bewohnenden Eintags- und Steinfliegen.

Welche Maßnahmen, die auch im kürzlich erschienen „Aktionsplan für den Insektenschutz und Insektenerholung“ beschrieben sind, würden Sie als besonders dringlich bewerten? Kann das Insektensterben kurzfristig aufgehalten werden, oder bedarf es hier langfristiger Maßnahmen?

Zentral sind das Aufhalten der fortschreitenden Habitatzerstörung, die Renaturierung von degradierten Habitaten, die deutliche Reduzierung von Pestiziden und Düngern in der Landwirtschaft und eine drastische Reduzierung der täglichen Neuversiegelung. Da die Populationsdynamik von Arten immer verschiedenen Faktoren unterliegt, u.a. auch klimatischen, lässt sich nicht voraussagen, wie schnell einzelne Maßnahmen und v.a. auch wie zuverlässig sie wirken. Es müssen also mehrere Maßnahmen parallel und langfristig durchgeführt werden. Da das Insektensterben offenbar flächenhaft die gesamte Kulturlandschaft, oder zumindest große Teile betrifft, muss sich in der gesamten Landnutzung etwas ändern.

Wie gehen Forscher*innen bei einer Bestandsaufnahme von Arten vor?

Um den aktuellen Bestand zu erfassen, gibt es verschiedene standardisierte Methoden, die für die jeweiligen Insektenordnungen etabliert wurden und z.T. global angewandt werden. Für Analysen von Veränderungen ist es wichtig, dass zuverlässige historische Daten vorliegen, damit abgeschätzt werden kann, ob und wie die Populationen sich entwickelt haben. Häufig fehlen solche Daten und man kann den Rückgang nur abschätzen.

Was kann und sollte die Politik tun/ändern, um dem Insektensterben entgegenzuwirken? Was kann ich als Einzelperson tun?

Die Einzelpersonen können bereits recht viel bewegen, indem sie ihr eigenes Handeln überdenken. Gärten, Wegränder, städtische Grünflächen sollten nicht mit Pestiziden behandelt werden und ein reiches Blütenangebot aus möglichst heimischen Stauden, Sträuchern und Kräutern haben. „Ungepflegte“ Bereiche, in denen Grünland nur einmal im Spätsommer gemäht werden, bieten ein reichhaltiges Nahrungs- und Versteckangebot für eine Vielzahl von Tieren. Auch beim Einkaufen kann man darauf achten, dass die Produkte möglichst aus ökologisch nachhaltiger Produktion stammen. Die Politik müsste vor allem den landwirtschaftlichen Bereich neu strukturieren und neue Zielvorgaben formulieren, Ressourcenschonung und Artenvielfalt könnte z.B. direkt honoriert werden, im Gegenzug wären Subventionen für Produktion oder schlicht für die „normale“ Bewirtschaftung der Fläche zurückgefahren werden. Das Geld dafür ist also schon vorhanden: Übrigens:  Seit Jahrzehnten führt die Landwirtschaftspolitik zum Aussterben von kleinen Betrieben und fördert vor allem die industrielle Landwirtschaft.

Wie geht es den Insekten in Deutschland? Welche Projekte gibt es hier bereits und an welchen Stellen kann man sich einsetzen?

Da in den letzten Jahren das Thema „Insektensterben“ – auf Grund des nachweisbaren drastischen Rückganges – den Weg in die allgemeine Öffentlichkeit geschafft hat, sind mehrere Projekte dazu angestoßen worden. Im Folgenden dazu einige Beispiele: