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Wildnis in Frankfurt

Neues Senckenberg-Buch von Indra Starke-Ottich und Georg Zizka erschienen


Einen Lebensraum ohne oder mit nur sehr wenigen Eingriffen des Menschen sowie mit einer natürlich ablaufenden Entwicklung bezeichnet man als „Wildnis“. Doch diese Form von Natur ist in Städten kaum noch zu erfahren. Wie lässt sich das ändern? Kann und soll es in dicht besiedelten Räumen wie der Stadt Frankfurt überhaupt Wildnis geben? Das Buch „Wildnis in Frankfurt“ beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen: „Ja!“. Indra Starke-Ottich und Georg Zizka untersuchen gemeinsam mit weiteren Forschenden Wildnisflächen in der Mainmetropole, die sich für solche Entwicklungen der Stadtnatur eignen. Sie schauen dabei auf „Wildniselemente“, die leicht übersehen werden, wie Efeu an Mauern oder die Vegetation in Pflasterfugen. Im Fokus der Untersuchungen stehen zudem Lebensräume, die jeder kennt, deren Bedeutung für die Stadtnatur aber meist unterschätzt wird – hierzu zählen der Frankfurter Hauptfriedhof oder die Grünflächen innerhalb des „Frankfurter Kreuzes“. Zudem stellen sie mit dem Nordpark Bonames, dem Monte Scherbelino und dem Fechenheimer Mainbogen große „Wildnisflächen“ in Frankfurt vor, die renaturiert wurden und werden, sowie Flächen „alter Wildnis“ wie den Frankfurter Biegwald – ein Relikt ursprünglicher Wildnis mitten in der Stadt.

Zizka und Starke-Ottich zeigen unter anderem, was geschieht, wenn wir die Pflege ausgewählter Grünflächen zumindest für eine gewisse Zeit aussetzen oder auf ein Minimum beschränken. Die städtische Wildnis ermöglicht nicht nur den urban lebenden Menschen wichtige Naturerfahrungen vor der Haustür, sie trägt auch zu einer höheren Artenvielfalt im städtischen Raum bei. Dabei betrachten die Autor*innen Wildnisflächen, die in ihrer Entstehungsgeschichte recht gegensätzlich sind.

Das Projekt „Städte wagen Wildnis – Vielfalt erleben“ wurde von 2016 bis 2021 u. a. in Frankfurt vom Umweltamt durchgeführt und durch die Arbeitsgruppe Biotopkartierung am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum wissenschaftlich begleitet. Zizka und Starke-Ottich ziehen im vorliegenden Buch ein Resümee zum Ende des Projekts und nach der Kartierung von vier Vegetationsperioden. Insgesamt haben die Projektbeteiligten am Monte Scherbelino und im Nordpark Bonames 1.167 Arten nachgewiesen. Zu diesem Ergebnis trugen auch zahlreiche Bürgerwissenschaftler*innen bei, die ihre Funde in Datenbanken wie iNaturalist eingegeben und der Wissenschaft zugänglich gemacht haben.

Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass die Projektflächen einen großen Anteil der Frankfurter Flora und Fauna ausmachen. „Am Monte Scherbelino und am Nordpark Bonames haben wir jeweils seltene, gefährdete und geschützte Tier- und Pflanzenarten gefunden“, sagt Georg Zizka und betont: „Die langfristige Sicherung beider Flächen als Wildnisflächen und Teil der Stadtnatur kann durch die vielfältige Artenausstattung zur Erhaltung der Artenvielfalt in Frankfurt beitragen“. Auch Indra Starke-Ottich unterstreicht die Bedeutung moderner Stadtbrachen: „Wie das Beispiel Monte Scherbelino zeigt, sind offene Flächen von besonderer Bedeutung für die Biodiversität. Wenn ausgewählte Bereiche sich natürlich entwickeln können, statt schnell aufgeforstet zu werden, kann die Natur ungemein davon profitieren“.

Neben diesen Formen der „Jungen Wildnis“, die sich seit einigen Jahren durch Sukzession entwickelt, existieren in Frankfurt auch Relikte „alter Wildnis“, wie zum Beispiel der Frankfurter Biegwald zwischen Bockenheim und Rödelheim. Die Forschenden untersuchen die Flora und Fauna dieses Überbleibsels der Auenwälder an der Nidda sowie die Veränderungen der Flora durch neu eingewanderte Arten. Dabei geht es auch um den Einfluss des Menschen auf das Naturgebiet und um die Herausforderung, eine Balance zwischen Erholungsnutzen und wirksamem Naturschutz zu finden.

Mit dem Frankfurter Hauptfriedhof und den Straßenbegleitflächen des Frankfurter Kreuzes nehmen Zizka und Starke-Ottich zwei sehr gegensätzliche Wildnisflächen in den Blick – beides große unversiegelte Flächen im Stadtgebiet. Der Verkehrsknotenpunkt ist geprägt von Lärm und Abgasen, der Friedhof von Ruhe und Stille. Die 31 ha Grünflächen des Frankfurter Kreuzes sind praktisch unzugänglich. Hier existieren artenreiche Offenlandlebensräume. Der rund 70 ha große Hauptfriedhof ist schon jetzt ein Biodiversitäts-Hotspot, nicht zuletzt weil es hier ein nächtliches Betretungsverbot gibt, alte Baumbestände existieren, eine zunehmend extensive Pflege betrieben wird und es keinen motorisierten Verkehr gibt.

Starke-Ottich und Zizka untersuchen schließlich auch „Wildniselemente im Siedlungsbereich“ und beschreiben, welche Funktionen etwa die Begrünung von Fassaden mit Efeu übernimmt. Auch die Vegetation von Pflasterfugen als „übersehene Stadtnatur“ ist Gegenstand ihrer Betrachtungen. Die Autor*innen sehen hier Potenzial, ohne zusätzlichen Flächenbedarf mehr Platz für Stadtnatur zu schaffen. „Die Untersuchung von Pflasterfugen belegt eine erstaunliche Artenvielfalt an diesen Standorten, sie dokumentiert aber auch, dass das Ergebnis stark vom jeweiligen Pflastertyp abhängt“, so Starke-Ottich. „Vernachlässigte Formen der Stadtnatur wie Pflasterfugen oder Baumscheiben rücken wieder mehr in den Fokus. Sie spielen eine wichtige Rolle, auch als Klimadienstleister“, erläutert der Wissenschaftler.

Die Forschenden argumentieren in ihrem Buch für das Zulassen und Einrichten weiterer Wildnisflächen in der Stadt. „Im Hinblick auf Biodiversität, Naturschutz und Umweltgerechtigkeit ist eine viel stärkere Verbreitung von Wildnisflächen wünschenswert“, hält Georg Zizka fest. Er sieht aber auch große Herausforderungen: „Der enorme Druck, weitere Flächen für Wohnraum, Gewerbe und Verkehr zu bebauen, konkurriert mit der Notwendigkeit, Stadtnatur zu entwickeln.“. Zudem gelte es, in der Stadtbevölkerung für mehr Akzeptanz und Verständnis zu werben, ergänzt Indra Starke-Ottich. „Wildnisflächen benötigen für ihre Entwicklung und Wertschätzung eine Mitwirkung der Bürgerschaft“, schließt die Wissenschaftlerin.

Publikation

Indra StarkeOttich, Georg Zizka
Wildnis in Frankfurt
2022, 296 Seiten, 285 Abbildungen, 21 Tabellen, umfangreicher Anhang
(16 Tabellen),
durchgehend farbig, 17 x 22 cm, broschiert,
ISBN 9783510614226, SenckenbergBuch 87, 22,90 Euro
www.schweizerbart.de/9783510614226
Erscheinungstermin: 14. Oktober 2022

Presseexemplare können Sie unter pressestelle@senckenberg.de

bestellen.

Press Material

Wildnis am Fuße des Monte Scherbelino.

Foto: Indra Starke–Ottich

Die per FFH–Richtlinie geschützte Art Heldbock (Cerambyx cerdo), einer der größten einheimischen Käfer, ist im Frankfurter Biegwald zu entdecken.

Foto: Fabian Schrauth

Auf Teilen des Hauptfriedhofs ohne Gräber steht die ökologische Gestaltung im Vordergrund.

Foto: Janina Püsche

Weibchen der Amsel (Turdus merula) auf dem Nest in Efeubewuchs am Höchster Schloss.

Foto: Indra Starke–Ottich

Die Artenvielfalt der Pflasterfugen ist erheblich. Auf nur rund 1 % der Fläche des Stadtgebietes wurde fast ein Viertel der Flora Frankfurts nachgewiesen. Betonplatten wurden in den Untersuchungsgebieten am zweithäufigsten für Pflaster verwendet. Im Vordergrund Kleines Leinkraut (Chaenorrhinum minus).

Foto: Indra Starke–Ottich

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Cover “Wildnis in Frankfurt”

Leseprobe “Wildnis in Frankfurt”