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Zusammenschluss von Partnern aus Naturschutz, angewandter Forschung, Wirtschaft und Finanzen, Politik und Öffentlichkeit: das Frankfurt Conservation Center.

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Das Frankfurt Conservation Center

Ein neuer internationaler Leuchtturm für Natur- und Artenschutz entsteht!


Mehrere Frankfurter Institutionen haben sich unter der Ägide der hiesigen Zoologischen Gesellschaft formiert, um die Zusammenarbeit von Naturschutzpraxis und angewandter Forschung neu auszurichten. In einem neuen unabhängigen, internationalen Kompetenzzentrum sollen Klimaschutz und Erhaltung der Biodiversität zusammen gedacht werden.

„Ein Conservation Center hier in Frankfurt? Das ist eine ausgezeichnete Idee und ein lohnendes Unterfangen. Es würde dem so wichtigen Thema Biodiversität und ihrer Erhaltung auch größere Bedeutung verleihen. Lasst uns das Projekt zügig angehen!“, zeigte sich Volker Mosbrugger bei der ersten Besprechung begeistert. Angesteckt vom Enthusiasmus des Senckenberg-Generaldirektors zur Gründung eines internationalen Natur- und Artenschutzzentrums in Frankfurt haben sich Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), und der Autor gleich nach der ersten Besprechung an die Arbeit gemacht, mit weiteren Partner*innen und auch möglichen Förder*innen gesprochen und die Suche nach einem möglichen Gebäude aufgenommen. Ein Think Tank, wie er hier angedacht ist, in dem Expert*innen die Köpfe zur Lösung einer der dringendsten Fragen der Gegenwart zusammenstecken sollen, braucht auch eine Hülle. Aber immer der Reihe nach …

Warum brauchen wir überhaupt ein Conservation Center?

Die weltweite Zerstörung natürlicher Lebensräume, der Klimawandel und der damit einhergehende Verlust biologischer Vielfalt bedrohen den Fortbestand der Menschheit. Der 2019 veröffentlichte Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES untermauert den Handlungsbedarf mit alarmierenden Zahlen. Demnach sind

  • etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten in den nächsten zehn Jahren vom Aussterben bedroht,
  • 85 Prozent der Feuchtgebiete zerstört,
  • 75 Prozent der Landfläche der Erde degradiert und
  • mehr als 90 Prozent der Korallenriffe gefährdet.

Die Verantwortung dafür, kritische Schwellenwerte nicht weiter zu überschreiten, liegt hauptsächlich bei den großen Wirtschaftsnationen, da sie den größten Teil der natürlichen Ressourcen nutzen – und ihr ökologischer Fußabdruck am größten ist. Als viertgrößte Volkswirtschaft weltweit und größte innerhalb der EU fällt Deutschland dabei eine besondere Rolle zu. Es übernimmt bereits Verantwortung beim globalen Schutz der Biodiversität und kann diese wichtige Rolle noch weiter ausbauen. Ohne das Zusammenspiel vieler Arten und Artengruppen und durch den Verlust von natürlichen Lebensräumen verlieren wir ganze Ökosysteme. Die Belastungsgrenze beim Artensterben ist bereits deutlich überschritten und deshalb ist dieses Problemfeld zu priorisieren.

Die Coronavirus-Pandemie zeigt es: Große Naturlandschaften sind wichtig!

Wie nie zuvor trifft aktuell die Corona-Pandemie alle Länder der Erde in einem ungekannten Ausmaß. Dabei wird auch deutlich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Schutz der Biodiversität und der Vermeidung von Pandemien gibt. Dies bestätigen erste Studien und Stellungnahmen etwa des WWF als auch ein Sondergutachten des Weltbiodiversitätsrats IPBES. Überall dort, wo natürliche Lebensräume durch den Klimawandel oder direkte Eingriffe des Menschen verloren gehen, können sich Systeme zu unseren Ungunsten verändern. Der Kontakt zwischen Wildtieren und Menschen wird enger, wodurch Krankheitserreger übertragen werden. Hinzu kommt der Handel mit Wildtieren. 75 Prozent aller infektiösen Krankheiten haben ihren Ursprung in Wildtierpopulationen, darunter HIV, Ebola, SARS, MERS, Zika und jetzt SARS-CoV-2. Biodiversität zu schützen, bedeutet daher auch Schutz und Sicherheit für uns Menschen. Wir können von der Natur lernen. Wo genetische und ökologische Vielfalt gewährleistet ist, liegen über Jahrmillionen entstandene biologische Informationen für uns bereit, die wir als Basis für Medikamente oder technische Innovationen nutzen können. Sie ermöglichen es uns, Mechanismen zu verstehen, nachhaltiger zu wirtschaften, das System Erde für uns zu erhalten und die Gegenwart und die Zukunft positiv zu gestalten.

Die Bedeutung der Wissenschaft, gerade auch in der Politikberatung und die Zusammenarbeit mit den praktischen Umsetzern vor Ort (etwa Naturschutzorganisationen), wurde mit der Coronavirus-Pandemie überdeutlich. Die derzeit stattfindende fundamentale Disruption in allen gesellschaftlichen Bereichen eröffnet auch Chancen, große Herausforderungen innovativ, interdisziplinär und stringent anzugehen. Das Frankfurt Conservation Center wird als neues unabhängiges, internationales Kompetenzzentrum dazu beitragen, langfristig das System Erde mit seiner biologischen Vielfalt zu erhalten. 

„Wir brauchen neue und vor allem interdisziplinäre Ansätze und konkrete Handlungsempfehlungen für die politisch Verantwortlichen sowie Initiativen, die in der breiten Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit für das Thema schärfen. Nur so können wir entscheidend zur Erhaltung unserer Lebensgrundlagen beitragen und auch für kommende Generationen einen Planeten hinterlassen, der ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Damit würde aus Frankfurt heraus ein Impuls zur Generationengerechtigkeit gegeben.“

Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt

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Die Biodiversität unserer Erde ist ungleich verteilt. Wie hier das Beispiel der Artenvielfalt von Säugetieren zeigt, konzentriert sich das meiste auf die Tropenzonen. Rot: viele Säugetierarten; Blau: sehr wenige Säugetierarten

Ein neues Conservation Center – warum in Frankfurt am Main?

In einzigartiger Weise konzentrieren sich in der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main Finanzinstitutionen, Stiftungen, Forschungsinstitute und Naturschutzorganisationen. Eine ideale Voraussetzung für einen Hub, der in einer besseren Vernetzung und Verschaltung einen Mehrwert schafft und zentrale Herausforderungen der Zukunft aufgreift, etwa die Erforschung, den Schutz und die Finanzierung von Biodiversität. Neben den bedeutenden Forschungseinrichtungen von Senckenberg und der Goethe-Universität gibt es Naturschutzorganisationen, wie die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, die mit jahrzehntelanger Erfahrung auf verschiedenen Kontinenten Schutzgebietsverwaltungen unterstützen. Hinzu kommen mit der KfW Entwicklungsbank, der GIZ und mehreren flächenbezogenen Förderstiftungen, sogenannte Conservation Trust Funds, die wichtigsten Akteure der internationalen Entwicklungszusammenarbeit Deutschlands.

Mit einem Zentrum, das der Vernetzung und Zusammenarbeit dient, soll sich aus Frankfurt heraus relevante Schubkraft für den Biodiversitätsschutz entwickeln. Das FCC

  • bündelt Fach- und Forschungskompetenz rund um den Schutz ökologischer Systeme unter einem Dach,
  • bindet Expert*innen aus Wissenschaft und Naturschutz, Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik in die Erarbeitung von Lösungen ein und berücksichtigt lokales oder indigenes Wissen aus den Projektregionen,
  • steigert die Wettbewerbsfähigkeit und Sichtbarkeit des Themas „Erforschung und Erhaltung der biologischen Vielfalt“ und etabliert sich als Kompetenzzentrum für Biodiversität,
  • rückt das Problemfeld „Verlust von Biodiversität“ durch rege Öffentlichkeitsarbeit mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung, damit Gegenmaßnahmen stärker als gesellschaftliche Aufgabe verankert werden,
  • stärkt Frankfurt/M. in der Positionierung als „Green City“ und klimagerechte Stadt,
  • fördert die Aus- und Weiterbildung von Naturschutzexpert*innen.

Im November 2020 entschied der Magistrat der Stadt Frankfurt, den Aufbau des FCC mit zu unterstützen. Geplant ist ein gemeinsam finanzierter Neubau am Osteingang des Zoos.

Think Tank, Forschung und Praxis unter einem Dach – wie sieht das konkret aus?

Mit der Schaffung des FCC geht es um den ideellen und auch räumlichen Zusammenschluss von Partner*innen aus Naturschutz, angewandter Forschung, Wirtschaft und Finanzen, Politik und Öffentlichkeit. Eine Betreibergesellschaft, die Frankfurt Conservation Center gGmbH befindet sich derzeit in Gründung durch die ZGF, die Goethe-Universität und die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Die Organisationen, die als Gesamtheit in das Gebäude des FCC einziehen, führen dort ihre bisherige Arbeit fort und können bereits bestehende Kooperationsprojekte ausbauen. Kurze Wege sollen die Zusammenarbeit von Naturschutzpraxis und angewandter Forschung fördern und zur gemeinsamen, strategischen Neuausrichtung der Naturschutzarbeit führen.

Wichtige Kooperationsprojekte von Wissenschaft und Naturschutz

Der Habitat- und Biodiversitätsverlust hat bereits ein bedrohliches Ausmaß angenommen, und so gilt es, die noch verbliebenen Gebiete zu schützen. Um dies dauerhaft zu ermöglichen, sind finanzielle Mittel auch aus dem Ausland erforderlich. ZGF und SGN beraten staatliche und private Geldgeber bei der Auswahl und haben hier eine Methode zur weltweiten Priorisierung von Naturschutzgebieten entwickelt. Die Bewertung erfolgt auf der Grundlage von

  • Biodiversitätskriterien,
  • Wildnischarakter,
  • Stabilität der Biodiversität unter Klimawandel,
  • projizierter Stabilität der Landnutzung,
  • Klimaschutzzielen,
  • Gebietsgröße.

Die „Nature Trust Alliance“, Partner des FCC, unterstützt derzeit den Aufbau zweier großer Förderstiftungen, des sogenannten Legacay Landscapes Trust zur dauerhaften Finanzierung der wichtigsten Großschutzgebiete auf der Erde, und Trust Funds für die Karpaten.

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Forschung und Praxis gehen zusammen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert bereits ab 2020 mit 100000 Euro die Aufbauphase eines Kompetenzzentrums am Standort Frankfurt zur internationalen Naturwaldforschung. Ein Partnercluster wird in Belarus entstehen, Heimat des größten und berühmtesten europäischen Tieflandlaubmischwalds, Bialowieza (siehe Karten oben). Dem Vorhaben sind inzwischen führende europäische Partner*innen aus Forschung und Praxis beigetreten.

Ein weiteres Praxisbeispiel. Die ZGF und Senckenberg werten gemeinsam Daten zur Wanderung der seltenen Saigaantilopen, eine Schlüsselart der winterkalten Steppen und Halbwüsten Kasachstans, aus. So lassen sich wichtige Aussagen dazu treffen, wo neue Schutzgebiete entstehen müssen oder wie geplante Straßen und Bahntrassen verlaufen müssen, ohne die Wandergebiete der Saigas zu zerschneiden.

Naturschutznachwuchs gemeinsam ausbilden!

Im FCC sollen zukünftige Naturschutzexpert*innen praxisorientiert aus- und weitergebildet werden. „Conservation Experts“ sind zur Bewältigung der Zukunftsaufgaben dringend notwendig. Mit dem Aufbau der „Frankfurt Spring School for Conservation Project Management“ haben Goethe-Universität, KfW, KfW-Stiftung, WWF, KPMG, Bio Frankfurt und ZGF bereits 2017 ein einmaliges und sehr erfolgreiches und internationales Angebot zur Ausbildung von Projektmanager*innen im Naturschutz geschaffen. Als nächste Stufe soll ein Masterkurs für internationalen Naturschutz aufgebaut und direkt im FCC angesiedelt werden. Frankfurt wird damit ein international wichtiger Standort für die Ausbildung und Entwicklung einer neuen Generation von Naturschützer*innen mit ganz speziellem Know-how!

Der Autor

Michael Brombacher ist Diplom-Geöokologe und leitet bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt das Referat Europa. Er kümmert sich auf dem Heimatkontinent der ZGF darum, dass auch in Deutschland neue Wildnisgebiete entstehen und außergewöhnliche und teilweise unbekannte riesige Naturlandschaften, etwa in den Karpaten aber auch den Steppen Kasachstans dauerhaft erhalten werden. Zu seinen Aufgaben bei der ZGF gehört auch die Koordinierung der Planung und des geplanten Baus des Frankfurt Conservation Centers. 

Kontakt

Michael Brombacher
Head of Europe Department Frankfurt Zoological Society
Bernhard-Grzimek-Allee 1, D-60316 Frankfurt
brombacher@zgf.de