Paläozoologie

Erforschung der vorzeitlichen Tierwelt

 

Die Paläozoologie als wesentlicher Teilbereich der Paläontologie (der Lehre von den Lebewesen der erdgeschichtlichen Vergangenheit) befasst sich mit den Fossilien, die ehemaligen tierischen Lebewesen zugeordnet werden können. In der Sektion Paläozoologie der SNSD spielen neben dem Benennen und Zuordnen (Taxonomie und Systematik) auch Fragestellungen rund um die Evolution der Organismen und Lebensgemeinschaften sowie die Veränderung der Lebensräume in Zeit und Raum eine sehr wichtige Rolle. Denn fossile Organismen geben ganz entscheidende Informationen über die erdgeschichtlichen Veränderungen unseres Planeten, z.B. Änderungen im Klima und der Paläo-Biodiversität.

Unsere Forschungen tragen somit zu den Forschungsbereichen

Biodiversität und Erdsystem-Dynamik

Biodiversität, Systematik und Evolution

Biodiversität und Klima

bei.

Die wichtigsten Forschungsobjekte der Sektion Paläozoologie sind Makro-Invertebraten, d.h. relativ großwüchsige, wirbellose Tiere wie z.B. Muscheln, Schnecken und Ammoniten, die einen großen Teil der Paläo-Biodiversität der Erde reflektieren. Darüber hinaus stellen diese die besten Fossilgruppen für hochauflösende, relative Altersdatierungen (Biostratigraphie) und sie besitzen zudem recht gut bekannte Umwelt-Präferenzen (z.B. für die Temperatur und die Salinität). Sie sind somit verläßliche Zeugen und wichtige Archive des vergangenen globalen Wandels sowie hervorragende Werkzeuge in der Paläoumwelt-Rekonstruktion.

Zeitlicher Fokus der Forschungen ist das Mesozoikum (= Erdmittelalter: ca. 250-65 Mio. Jahre vor heute), insbesondere die mittlere Kreidezeit, eine intensive Treibhauswelt mit einem um ein Vielfaches höheren Kohlendioxid-Gehalt als heute. Marin abgelagerte Sedimentgesteine und deren fossiles Inventar sind wertvolle Archive dieses bewegten erdgeschichtlichen Zeitintervalls und ihre Analyse erlaubt es uns, die Funktionsweise von Paläo-Ökosystemen unter den Bedingungen eines extremen Treibhausklimas zu verstehen und die Veränderungen der Paläo-Biodiversität in Zeit und Raum an ausgewählten Organismengruppen zu verfolgen. Der vergangene globale Wandel kann auch ein Schlüssel für das Verständnis möglicher Zukunftsszenarien unseres Planeten Erde sein:
The past is the key to future global change.

Die Analyse und Rekonstruktion sowie das funktionelle Verständnis komplexer mesozoischer Ökosysteme erfordert einen interdisziplinären Ansatz, der klassische Paläontologie (Taxonomie und Systematik) und Sedimentgeologie mit den Methoden moderner Isotopen-Geochemie, quantitativer Paläoökologie und der höchstauflösenden, integrierten Stratigraphie kombiniert. Hierbei spielen die umfangreichen, z.T. historischen Sammlungsbestände der Sektion eine zentrale Rolle, die durch Neuaufsammlungen beständig vergrößert und konservatorisch betreut werden. Aktuelle Forschungsergebnisse beziehen sich auf die Paläo-Biogeographie und Biostratigraphie kreidezeitlicher Invertebraten. Regionale Schwerpunkte bilden Zentraleuropa (Deutschland, Tschechien, England, Spanien), Nordafrika (Ägypten) und der Mittlere Osten (Iran). Ein neues DFG-Projekt befasst sich mit möglichen glazio-eustatischen Meeresspiegelschwankungen in der mittleren Kreidezeit und deren Signifikanz für die Dynamik von Treibhausklimaten.

Aktuelles

Der Ammonit Pachydiscus (P.) neubergicus (von Hauer) ist das biostratigraphische Leitfossil für die Basis der Maastricht-Stufe (ca. 72 Millionen Jahre vor heute). Das abgebildete Stück von aus der paläozoologischen Sammlung des MMG stellt einen der wenigen Nachweise der Art aus Deutschland dar. Es wurde im Kronsmoor-Profil nahe Itzehoe (Schleswig-Holstein) gefunden und diente bei der integrierten Kalibrierung des Campanium/Maastrichtium-Grenzbereiches zur Grenzziehung zwischen den Stufen (s. Wilmsen et al., 2019, Newsletters on Stratigraphy 52/2).

REVISIONSARBEITEN

 

Der erste und zweite Teil der Revision der Kreide-Fossilien in Sachsen sind erschienen. Teil 3 folgt …

NIEBUHR B. & WILMSEN M. (2014, Eds.): Kreide-Fossilien in Sachsen, Teil 1. – Geologica Saxonica 60(1): 1–254; Dresden.

NEUE PUBLIKATIONEN 2019

Lehmann, J., Mosavinia, A. & Wilmsen, M. (2019): Parahoplitid ammonites and narrowing down the Aptian/Albian boundary interval in northern Iran. – Cretaceous Reseach, 94: 207–228; Amsterdam.

Linnert, C., Engelke, J., Wilmsen, M. & Mutterlose, J. (2019): Environmental footprints of the early Maastrichtian cooling – the record of benthic foraminifera from northern Germany. – Cretaceous Research, 97: 143–159; Amsterdam.

Wilmsen, M., Dölling, B., Hiss, M. & Niebuhr, B. (2019): The lower Upper Cretaceous of the south-eastern Münsterland Cretaceous Basin, Germany: facies, integrated stratigraphy and inter-basinal correlation. – Facies, 65: 13 (29pp.); Erlangen.

Wilmsen, M., Engelke, J., Linnert, C., Mutterlose, J. & Niebuhr, B. (2019): A Boreal reference section revisited (Kronsmoor, northern Germany): high-resolution stratigraphic calibration of the Campanian–Maastrichtian boundary interval (Upper Cretaceous). – Newsletters on Stratigraphy, 52: 155–172; Stuttgart.

Wilmsen, M., Niebuhr, B., Fengler, M., Püttmann, T. & Berensmeier, M. (2019): The Late Cretaceous transgression in the Saxonian Cretaceous Basin (Germany): old story, new data and novel findings. – Bulletin of Geosciences, 94: 71–100; Prague.