Petrographie

Geschichte


Die petrographischen Sammlungen reichen in ihren Anfängen auf die vom Kurfürst August (1526–1586) 1560 angelegte kurfürstliche Kunstkammer zurück, in welcher bereits um 1587 die Sammlung sächsischer Gesteine des italienischen Hofbildhauers und -baumeisters Giovanni Maria Nosseni (1544–1620) einen bedeutenden Bestandteil des geowissenschaftlichen Sammlungsgutes bildete.

Nosseni, ein erfahrener Baumeister, Bildhauer und Architekt aus Lugano, stand seit 1575 in sächsischen Diensten und durchforschte vor allem das Erzgebirge sowie das nördlich angrenzende Vorland nach abbauwürdigen edlen Mineralen und Gesteinen.

Besonders zwischen 1585 und 1587 konnte er bedeutende Lagerstätten nachweisen. Belegstücke übergab Nosseni seinem Auftraggeber wissenschaftlich exakt beschrieben und gekennzeichnet, was für das ausgehende 16. Jahrhundert einmalig war. Darunter befanden sich für Bildhauerzwecke geeigneter weißer Marmor vom Sandersberg zwischen Rauenstein und Lengefeld im Erzgebirge, schwarzer Marmor von Kalkgrün, roter Marmor von Wildenfels, weißer Marmor von Crottendorf im Erzgebirge. Wie dem Inventar des Kunstkämmerers David Ußlaub zu entnehmen ist, bildeten die heute leider nicht mehr nachweisbaren Proben Nossenis den Grundstock des Mineralienkabinetts. Ußlaub hatte das Inventar 1587 auf Veranlassung der Erben von Kurfürst August erstellt und beschrieb darin unter den etwa zehntausend aufgeführten Gegenständen der Kunstkammer zum ersten Mal eine 43 Stück umfassende Gesteinssammlung.

Aufgestellt war diese im fünften Zimmer der Kunstkammer „an der Librarey“ „Auff einer langen taffell mit einer grün Leinwaten Decken“. Nach 1587 ist von Nosseni nur noch wenig Gesteinsmaterial in die Kunstkammer eingeliefert wurden. Nach den Inventarien von 1595 und 1640 handelt es sich hierbei vor allem um Alabaster aus Weißensee, erzgebirgischen Marmor und Serpentin, insgesamt 14 Stück. Nosseni erhielt auf Lebenszeit das Privileg, im Kurfürstentum nach Marmor, Alabaster, Serpentin, Kristallen und Amethyst zu suchen. Er nutzte dieses wertvolle Bau- und Dekorationsmaterial, zum Beispiel für das Lusthaus auf der Jungfernbastei, für den Hauptaltar der Sophienkirche in Dresden und für die Ausschmückung der Fürstenkapelle im Freiberger Dom.

Nach dem Dienstantritt des Mathematikers Lucas Brunn (gestorben 1628) als Kunstkammerinspektor im Jahr 1619 trat eine wesentliche Wandlung ein. Er betreute die Sammlung aus wissenschaftlicher Sicht und nahm eine Neuaufstellung vor. Ihm zur Seite standen Kaspar Ußlaub, Peter Probsthainund von 1627 an Theodosius Häsel (1595–1658), Brunns späterer Nachfolger. Häsel schloss die von Brunn begonnene Umgruppierung der Sammlungsstücke im Jahre 1632 ab. In seinem Katalog „Inventarium Über die Churfürstliche Sächsische Kunstcammern in Schloß und Vestung Dreßden. Verneuert und aufgericht den 4 Augusti Anno 1640“ gibt Häsel eine anschaulichen Beschreibung des siebenten Zimmer „sonst daß Bergkgemach genand“. Neben der auf zwei mit grünem Tuche bedeckten Tischen untergebrachten Nossenischen Gesteinssammlung, werden auf der „dritten Taffel bey dem Fenstern“ als weiteres petrographisches Objekt „1 Zackigter schwarzer Stein vom Berge Äthna, so vor einer flamme oder schlacken gehalten wird“ erwähnt.

Der Kunstkämmerer Tobias Beutel der Ältere (1630–1690) veröffentlichte 1671 den ersten gedruckten Bericht über die Kunstkammer unter dem Titel „Chur-Fürstlicher Sächsischer stets grünender hoher Cedern-Wald“ und gab hier den Beleg für deren Gründung im Jahr 1560. Darin führte er das Berggemach, hier ohne Einrechnung des Vorgemachs als sechstes Zimmer bezeichnet, mit dem gesamten Inhalt an „Sachen von Natur / rar und künstlich“ auf. Die Einteilung in dieser Kammer entspricht im wesentlichen noch der Darstellung Häsels von 1640. Erwähnung finden „… Hand-Steine von Land-Marmor und Alabaster …“ und „… ein groß Stück Porphyr-stein / so ein Thür-Gerichte am Tempel Salomonis gewesen seyn sol …“.

Letzterer wurde 1714 in die Poliermühle von Johann Friedrich Böttger (1682–1719) zum Schneiden geliefert. Insgesamt fällt aber die Beschreibung der ausgestellten Naturalien bei Beutel sehr knapp aus und steht deutlich hinter der detaillierten Auflistung von David Ußlaub 1587 zurück. Ebenfalls kurz erwähnt werden die Gesteine der Kunstkammer in den Jahren 1680 durch Anton Weck und 1685 durch Edward Brown. Brown berichtet von „Allerley Gattung von Steinen / die man in Sachsen und Meissen findet gepolirtet …“.

Am 25. März 1701 wurden durch einen Brand große Teile des Residenzschlosses zerstört. Die Kunstkammer einschließlich der darin aufbewahrten Naturalien konnte gerettet und wurde verlegt, zunächst in den an der Festungsmauer gelegenen „Klepperstall“, anschließend in das Holländische Palais, das spätere Japanische Palais. Von 1720 bis 1728 waren die naturwissenschaftlichen Sammlungen im Regimentshaus am Jüdenhof untergebracht.

Kurfürst Friedrich August I., bekannt als August der Starke (1670–1733), verfügte über starkes naturwissenschaftliches Interesse und veranlasste schon bald nach seinem Regierungsantritt 1694 eine völlige Neuordnung der Kunstkammer. Er strebte die Aufteilung in Spezialkabinette an, die durch Fachkräfte verwaltet und wissenschaftlich bearbeitet werden sollten. Inspektor des neugeschaffenen Mineralienkabinetts war der seit 1702 am Berggemach tätige Christoph Gottlob Lichtwer (gestorben 1736).

Im 1755 von Christian Heinrich Eilenburg (1709–1771) verfassten „Kurzen Entwurf der königlichen Naturalienkammer zu Dresden“ werden neben einer „… bey nahe aus tausend Sorten bestehende Sammlung von inn- und ausländischen Marmorsteinen …“ auch Alabaster, „Serpentinsteine“, Basalte, „Kiesel- und Pflastersteine“ sowie Tropfsteine erwähnt. In Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbachs (1793–1879) „Leitfaden“ durch das Naturhistorische Museum von 1836 finden die petrographischen Sammlungen als Teil der „Galerie der Vorwelt“ Erwähnung. Unter der Bezeichnung „geognostische Fossilien“ waren die „systematischen Suiten der Gebirgsformation“ nach der Klassifikation von Karl Cäsar von Leonhard (1779–1862) aufgestellt.

Herausragend unter den petrographischen Objekten war die 1822 am Linckeschen Bad in Dresden gefundene, 4,67 m lange Blitzröhre. Diese und andere wichtige Teile der petrographischen Bestände wurden durch den Brand des Zwingers infolge der Maiunruhen 1849 vernichtet. Die vom Oberbaurat Christian Theodor Sorge 1869 überlassene Sammlung der im „Dresdener Bezirk gebräuchlichen Chausseematerialien“ war Basis für den Wiederaufbau der Gesteinssammlung am damaligen Königlichen Mineralogischen Museum. Bedeutend für den Sammlungsaufbau waren weiterhin die zahlreichen, aus dem Nachlass König Friedrich August II. (1797–1854) stammenden Gesteine aus Sachsen, Italien, England und von den Kanaren. Unter dem ersten und langjährigen Direktor des Museums, Hanns Bruno Geinitz (1814–1900), wurden 1891 die bisher gemeinsam mit den Fossilien ausgestellten Gesteinsarten in einem neuen Saal als „… besondere petrographische Abtheilung …“ angeordnet.

Allerdings beklagte dieser bereits 1899, dass der größte Teil der petrographischen Sammlungen dem Publikum verschlossen blieb und stattdessen als Arbeits- und Bibliotheksräume verwendet wurde. Der Platzmangel veranlasste Geinitz im Jahre 1892 die einzigartige vulkanologische Sammlung von Alphons Stübel (1835–1904) nach Leipzig abzugeben, welche erst nach reichlich 100 Jahren wieder an das Museum zurückgelangte. Ebenfalls im Jahr 1892 wurde eine „Schleiferei“ eingerichtet. Deren Aufgabe  bestand vor allem in der Herstellung von Gesteinsdünnschliffen, deren Gesamtzahl 1896 bereit 900 Stück überstieg.

Mit Ernst Kalkowsky (1851–1938) wurde 1898 ein international bedeutender Petrograph Direktor des Museums. In seiner Amtszeit bis 1919 bereicherte er die Gesteinssammlung um zahlreiche petrographische Sammlungsstücke. Dazu zählt auch eine Platte mit 24 Großdünnschliffen aus überwiegend sächsischen Gesteinen im Format von jeweils 90 x 110 mm, welche Kalkowsky 1898 bei der renommierten Firma Fuess in Berlin-Steglitz anfertigen ließ. Durch ihn erfolgte erstmals ein systematischer Aufbau der Gesteinssammlung am Museum nach dem Lehrbuch der Petrographie von 1894 des Leipziger Petrographen Ferdinand Zirkel (1838–1912). Dafür ließ Kalkowsky etwa 600 Handstücken für die systematische petrographische Sammlung im Jahr 1900 ankaufen. Als Ersatz für die 1849 verlorengegangene Blitzröhre konnte 1925 für die Sammlung die berühmte, 4,60 m lange Blitzröhre aus den tertiären Glassanden von Hohenbocka erworben werden. Das Instrumentarium wurde in den Jahren 1927/28 für die wachsende Anzahl petrographischer Untersuchungen um ein Polarisationsmikroskop, eine Analysenwaage und einen Schlämmapparat erweitert.

Der Zweite Weltkrieg brachte einen abermaligen Einschnitt in der Sammlungsgeschichte: Ab 1942 musste das Museumsgut aus dem Zwinger in umliegenden Schlösser und Herrensitze in Sicherheit gebracht werden. Ein Großteil der petrographischen Sammlungen wurde im Keller des Rittergutes Schieritz nordwestlich von Meißen eingelagert, die Gesteinssammlung von Eberhard Rimann (1882–1944), Direktor des Museums von 1920 bis 1944, gelangte auf Schloss Schleinitz südlich von Lommatzsch und in das Rittergut Rehnsdorf südlich Kamenz, seine Dünnschliffsammlung auf Schloss Lauterbach nordöstlich von Meißen. Dennoch verhinderten diese Maßnahmen nicht, dass ältere Sammlungsteile teilweise verloren gingen. Bei vielen zurückgeführten Stücken fehlten zudem die Etiketten und waren somit häufig nicht zuordenbar.

Der Neubeginn nach dem Weltkrieg in den petrographischen Sammlungen ist untrennbar mit Dieter Beeger verbunden. Von 1956 bis 1997 am Museum tätig, begann er im Jahre 1960 auf Anregung des Institutes für Denkmalpflege Dresden mit Forschungen über die Zerstörung und Konservierung von Baugesteinen, so zum Beispiel an Sandsteinen der Goldenen Pforte am Dom zu Freiberg (1960–1962) und am Großen Wendelstein im Schloss Hartenfels in Torgau (1967–1969) oder am Rhyolithtuff des Nordportals der Schlosskirche zu Chemnitz (1963). In Ergänzung hierzu baute Beeger ab 1967 die Bau- und Dekorationsgesteinssammlung systematisch auf.

1956 konnte die Sammlung von Hermann Andert (1879–1945) hauptsächlich mit Gesteinen aus der sächsischen und böhmischen Lausitz erworben werden. Bedeutenden Zuwachs erlangte die Sammlung in den letzten Jahrzehnten durch den Ankauf zahlreicher polierter Platten von Bau- und Dekorationsgesteinen, die Übernahme einer Sammlung südamerikanischer Gesteine und einer Sammlung sächsischer Metamorphite sowie durch Zugänge aus verschiedenen Privatsammlungen.

Den modernen Anforderungen an eine Forschungssammlung entsprechend konnte seit 1997 der wissenschaftliche Instrumentenpark erneuert und erheblich ausgebaut werden. Mit dem Umzug in das neue Institutsgebäude in Dresden-Klotzsche verfügt das petrographische Labor über umfangreiche, z.T. halbautomatische Aufbereitungstechniken, wie Gesteinstrennung, Anschliff- und Dünnschliffherstellung, Schwere- und Magnettrennung, Siebanalyse usw. Zudem besteht seit 2001 die Möglichkeit der Spaltspurenanalyse, deren Herzstück ein leistungsfähiges Forschungsmikroskop mit computergesteuertem Scanningtisch ist.