Moritz Sonnewald
Moritz Sonnewald in der ichthyologischen Sammlung. 

Die Geheimnisse unseres Planeten verstehen

Interview mit Senckenberg-Ichthyologe Dr. Moritz Sonnewald


Moritz Sonnewalds Entscheidung, den Abzweig in die Meeresbiologie zu nehmen, fiel erst spät – bei einer Exkursion an die Nordsee. Diese Exkursion liegt nun schon einige Jahre zurück, seine Neugierde für marine Lebensräume ist jedoch nie erloschen. Im Interview erzählt der Senckenberg-Wissenschaftler von den Besonderheiten des Roten Meeres, der Bedrohung der Korallenriffe und was die Erforschung von Ozeanen mit Außerirdischen zu tun hat.

Herr Sonnewald, was fasziniert Sie an der Meeresbiologie und insbesondere am Spezialgebiet der Ichthyologie?

Die Ozeane beherbergen für mich die meisten Geheimnisse unseres Planeten. Außerdem ist der Großteil mariner Lebewesen weitaus schwieriger zu beobachten als ihre Verwandten an Land.
Douglas Adams, einer meiner Lieblingsautoren, hat das einmal ungefähr so beschrieben: Stellen Sie sich vor, man könne an Land nur so weit sehen wie im Wasser: Das bedeutet, es herrscht überall dichter Nebel und die Sichtweite beträgt etwa einen Meter. Nun kommen Aliens mit ihrer Untertasse auf die Erde geflogen und lassen eine Sonde mit zufälligem Ziel herunter. Die Sonde landet in einem Zoo,  neben einem kleinen Hund, der dort mit seinem Herrchen unterwegs ist. Die Aliens sehen aufgrund des Nebels nur den Hund und folgern daraus, dass Hunde die dominante Spezies unseres Planeten sind. Natürlich tobt im Zoo rundherum die Biodiversität – aber davon bekommen die Aliens nichts mit…

… und so geht es Meeresforscher*innen, wenn sie Proben aus dem Wasser untersuchen?  

Im Prinzip schon. Wir sind die Aliens, die mit teurer Technik und Forschungsschiffen versuchen, den größten Lebensraum unseres Planeten zu verstehen, zu beschreiben und zu bewahren. Dabei gibt es immer wieder neue Arten zu entdecken, auch bei den Fischen.
In der Sektion Ichthyologie, also Fischkunde, bin ich zurzeit damit beschäftigt, die komplette wissenschaftliche Sammlung nach unserem Umzug in das renovierte Arthur von Weinberg-Haus neu aufzustellen. Dabei begegnen mir die unterschiedlichsten Formen und somit Anpassungsstrategien an verschiedenste Umweltbedingungen. Es fasziniert mich, wie zum Beispiel die Schützenfische mittels eingebauter Wasserpistole Insekten von Blättern pflücken kann, oder dass die Haftkraft des Saugnapfes von Schildfischen oft ausreicht, um das rund 300-fache des Eigengewichtes anzuheben.

Moritz Sonnewald

Seit 2014 arbeiten Sie am Projekt Red Sea Biodiversity Surveys mit, 2015 haben sie die Projektleitung und -koordination übernommen. Können Sie uns Genaueres über dieses Projekt und seine Ziele erklären?

Die Red Sea Biodiversity Surveys dienten der Bestandsaufnahme und Beschreibung der Biodiversität des Roten Meeres und fanden in den Jahren 2011 bis 2017 statt. In einer Reihe von groß angelegten Expeditionen erforschte Senckenberg in Kooperation mit der King Abdulaziz-University in Jeddah, Saudi-Arabien, die marine Biodiversität im gesamten Bereich der Ostküste des Roten Meeres. Durch Sammeln und Graben am Strand, durch Schnorcheln und Tauchen, durch die Begleitung kommerzieller Fischkutter, Sicherstellung des Beifanges und durch eine Expedition in die flache Tiefsee mit dem Forschungsschiff „Al Azizi“ kamen so jede Menge Proben zusammen. Diese wurden per Post nach Frankfurt geschickt, wo sie sortiert und die darin enthaltenen Arten bestimmt wurden.
Bislang konnten wir über 700 Arten bestimmen und mit tausenden Objektserien in den Sammlungen hinterlegen. In zahlreichen Publikationen konnten wir unter anderem zwei neue Gattungen und 20 neue Arten beschreiben.
 
Was macht das Rote Meer so besonders und interessant für die Forschung – zum Beispiel in Bezug auf Endemismus und Speziationsrate?

Oft sind es die schwer zugänglichen Orte, die für die Forschung besonders interessant sind. Denn wo noch nicht viel geforscht wurde, ist die Chance auf neue Entdeckungen am größten. Gleichzeitig beherbergen tropische Gebiete, also Gebiete innerhalb von 23,5° nördlicher und südlicher Breite, tendenziell mehr Arten.
Hinzu kommen einige besonders flache Bereiche des Roten Meeres; im Norden der Suez-Kanal, im Süden der Golf von Aden. Dadurch ist das Meer recht geschlossen und wenig Austausch mit der Tierwelt des Indopazifiks und des Mittelmeers findet statt. Das bedingt, dass etwa 6-16 % der Tiere ausschließlich im Roten Meer vorkommen. Hier sprechen wir von Endemiten. Auch die Geschwindigkeit der Artbildung, also die Speziationsrate, läuft in diesen geschlossenen Gebieten schneller ab als in offenen.
Das Rote Meer verfügt außerdem über eine weitere Besonderheit: durch Wassertemperaturen von etwa 22°C befindet sich hier die weltweit einzige warme Tiefsee. Im Vergleich dazu hat die restliche Tiefsee Temperaturen von etwa -1 bis 4°C. Auch daher rührt der hohe Anteil an Endemiten im Roten Meer.
All diese Faktoren machen das Rote Meer besonders interessant für die Biodiversitätsforschung.

 

Bis zu 22 Grad,  mehrere tausend Meter unter der Wasseroberfläche? Woran liegt das? 

Das Rote Meer ist durch flache Bereiche im Norden und Süden von der großen ozeanischen Zirkulation ausgeschlossen; man bezeichnet es daher auch als Nebenmeer. Das Tiefenwasser des Roten Meeres wird also vor Ort gebildet und bei den vergleichsweise sehr warmen Wintern in der Region sinken die Temperaturen des Wassers selbst in der Tiefsee nicht unter 20,5-22 °C. Im Mittelmeer ist das übrigens ähnlich; es ist durch die flache Straße von Gibraltar relativ isoliert. Die Tiefsee ist dort jedoch nicht ganz so warm, obschon noch 13,5 °C in bis zu 5.000 Metern Tiefe gemessen werden.

Unter diesen Bedingungen funktioniert die Zersetzung am Meeresgrund natürlich auch schneller, wodurch die Tiefsee des Roten Meeres und des Mittelmeers noch nährstoffärmer ist, als das in der „normalen“ Tiefsee ohnehin schon der Fall ist. Es kommt eben noch weniger von dem absinkenden Material unten an.

 
Sie beschäftigen sich außerdem mit Korallenriffen. Es ist kein Geheimnis mehr, dass Korallen durch die Versauerung der Ozeane und die steigenden Wassertemperaturen bedroht sind. Was bedeutet der Verlust von Korallen für Ökosysteme und wieso spielen sie eine so zentrale Rolle?

Korallenriffe gehören neben den Regenwäldern zu unseren Lebensgrundlagen. Nimmt man die weltweit existierenden Korallenriffe zusammen, so bilden sie zumindest teilweise den Lebensunterhalt für etwa eine halbe Milliarde Menschen. Von insgesamt etwa 226.000 bisher bekannten Meereslebewesen sind etwa 100.000 Arten aus Riffen bekannt, darunter 1.400 riffbildende Korallenarten.
Stirbt das Riff, aus welchen Gründen auch immer, so sterben auch die meisten seiner Bewohner. Das wiederum hat zur Folge, dass das Nahrungsnetz derart aus den Fugen gerät, dass beispielsweise ganze Fischpopulationen plötzlich zusammenbrechen. So führte zum Beispiel die Meereserwärmung 1998 an den großen Riffen vor Sri Lanka und Australien zu einer der größten Korallenbleichen, die Forscher bisher registriert haben. Bis zu 90 Prozent aller Arten verschwanden dort. Viele Menschen, allen voran die lokalen Fischer, verloren so ihre Lebensgrundlage.
 
Was muss Ihrer Ansicht nach getan werden, um Korallenriffe zu bewahren? Welche Aufgabe kommt der Wissenschaft zu?

Das Problem des weltweiten Riffsterbens ist multifaktoriell: Klimawandel und die dadurch bedingte Erwärmung der Meere, die Zunahme von verheerenden Stürmen, der CO2-Anstieg im Meer und damit die Ozeanversauerung, sowie die Zunahme von Fischerei und Tourismus – all das setzt den Riffen zu. Die Menschheit muss die Problematik also ganzheitlich angehen.
Wir Meeresforscher können unseren Beitrag leisten, indem wir stets den aktuellen Status und die Verwundbarkeit der Korallenriffe erforschen und dokumentieren, um so letzten Endes Orte für neue Meeresschutzgebiete vorschlagen zu können. Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit, vor allem mit den Fischern und anderen, die ihren Lebensunterhalt mit den Riffen verdienen, ist ebenfalls äußerst wichtig. Nur durch entsprechende Sensibilisierung der Menschen für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung dieses oft unwiederbringlichen Schatzes können die Riffe auch für zukünftige Generationen erhalten werden.
 

Zur Person 

Moritz Sonnewald hat in Frankfurt Biologie studiert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Ichthyologie am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Der Meeresforscher ist spezialisiert auf die Ökologie und Biodiversität mariner Organismen sowie Monitoring-Projekte mit einem Schwerpunkt auf der Nordsee und dem Roten Meer.