Crustaceen


Die Crustaceensektion beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Ranzenkrebsen (Peracarida),  sowie den Zehnfüßkrebsen (Decapoda).

Diese für Crustaceenverhältnisse sehr artenreichen Gruppen (ca. 14.000 Decapoda und ca. 12.000 Asselarten) weisen sehr große Formenvielfalt auf, die es ihnen erlaubt, alle Lebensräume des Meeres und des Süßwassers zu besiedeln, von der Tiefsee bis in die Brandungszone des Meeres sowie große Flusssysteme bis in Gebirgsregionen. Sogar das Land haben sie erobert, die Mangroven und Strände vom Meer aus und trockenere Böden im Gebirge von Süßwasser aus.

Die Evolution und ökologische Bedeutung dieser ungeheuren Formenvielfalt, die nur zum Teil erfasst und noch viel weniger verstanden sind, betrachten wir als Herausforderung für unsere Forschung. Unsere Arbeiten stützen sich daher auf dem Fundament der Taxonomie, die zum Erfassen der Diversität des Lebens eine unentbehrliche Voraussetzung bildet.

Darüber hinaus wollen wir die Artenvielfalt erfassen und verstehen. Morphologische Grundlagenforschung an Strukturen und Merkmalen ist dafür von großer Bedeutung, aber auch genetische Daten liefern wichtige Hinweise, welche Einblicke in die Entstehungsgeschichte der verschiedenen Krebstiergruppen erlauben. Schließlich ist es auch wichtig, die Gründe für die Verteilung der Arten in Zeit und Raum zu kennen. Daher ist unser drittes Standbein die Ökologie.

Die aktuelle Forschung beschäftigt sich vor allem mit der Biodiversität der Tiefseekrebse, und beantwortet biogeographische, evolutionsbiologische und ökologische Fragestellungen. Wie entstehen Arten in der Tiefsee? Welche Faktoren führen zur gegenseitigen Isolation von Populationen? Welche Anpassungsstrategien haben Krebstiere entwickelt um mit den widrigen Lebensbedingungen in der Tiefsee zurecht zu kommen? Und in welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen Tiefseekrebse zu Krebsgruppen flacherer Meeresregionen?

Geschichte der Sektion

Die Crustaceensektion gehört zu den ältesten des Hauses. Sie wurde von Eduard Rüppell nach Rückkehr aus Arabien 1828 gegründet und zunächst von ihm geleitet. Er veröffentlichte 1830 seine erste Arbeit zu diesem Taxon an 24 Krebsarten aus dem Roten Meer (Rüppell, 1830). Aber schon davor, in den 1820er Jahren, unternahm Rüppell seine erste Expedition nach Ägypten, und es war wahrscheinlich, dass er zu dieser Zeit auch Meerestiere sammelte. Wir haben jedoch keine schriftlichen Beweise dafür, und die erste handschriftliche Aufzeichnung eines bei der Senckenberg-Sammlung hinterlegten Krustentiers stammt aus dem Jahr 1826 von Ashtoret Lunaris (Forskål, 1775), einem von Rüppell im Roten Meer gesammelten Exemplar. Aus dem Jahre 1832 stammt ein noch heute erhaltener handschriftlicher Katalog von Adolf Reuss, der die Sektion anschließend im Vernehmen mit E. Rüppell weiterleitete. Nachdem E. Rüppell etwa um 1834 die Crustaceenforschung niedergelegt hatte, wurde die Sektion bis 1878 von anderen Sektionären (z. B. dem Botaniker J. B. G. W. Fresenius) mitverwaltet.

Erst am 26. Mai 1878 mit der Übernahme der Sektion durch Ferdinand Richters [*1849 -✝1914] begann eine Phase eigener wissenschaftlicher Arbeiten. Aus dieser Zeit stammt auch ein weiterer handsschriftlicher Katalog der Sammlung (1880) und eine detaillierte Kartei, die bei historischen Recherchen sehr gute Dienste leistet.

Im Jahre 1912 kam als weiterer Mitarbeiter Alexander Sendler [*1878 – ✝1914] in die Sektion. Nach dem Tode von F. Richters am 3. Juli 1914 übernahm er die Leitung der Sektion. Nur drei Monate später fiel auch er im Ersten Weltkrieg [10. Oktober 1914, bei St. Mihiel südl. Verdun]. Mit seinem Tode verwaiste die Sektion erneut und wurde von den Kustoden für Wirbellose Tiere (F. Haas, A. Zilch) mitverwaltet.

Seit 1946 wurde die Crustaceensektion wieder durchgehend wissenschaftlich geleitet, nachdem Richard Bott [*1902 – ✝1974] aus der Gefangeschaft am Ende des Zweiten Weltkrieges zurückgekehrt war. Er arbeitete fast ausschließlich an Flußkrebsen und Süßwasserkrabben und baute eine große Sammlung mit viel Typenmaterial auf. Auch die Anzahl der Publikationen und Monographien aus der Sektion schnellte in dieser Zeit empor.

Nach seinem Tode am 27. Januar 1974 übernahm Michael Türkay, zunächst als Assistent, dann (seit 1976) als vollamtlicher Angestellter die Crustaceensektion. Michael Türkay (1948–2015), kam als junger Student zu Senckenberg, er arbeitete an Dekapoden aus der Tiefsee und dem Orient, aber auch aus der Nordsee und dem Mittelmeer von 1974 bis zu seinem Tod. Türkay pflegte enge Verbindungen zu „Senckenberg am Meer“ in Wilhelmshaven, wo er jedes Jahr die Sommerfeldkurse der „Senckenbergschule“ für junge Museumstechniker durchführte. Die guten Beziehungen der letzteren zu japanischen Wissenschaftlern (unter anderem: T. & K. Sakai, K. Matsuzawa) führten zu einer Reihe riesiger Spenden japanischer Krebstiere, die wahrscheinlich eine der weltweit größten japanischen Krabbensammlungen außerhalb Japans sind.

Mit Ausweitung der deutschen Meeresforschung gelangte viel Tiefsee-Material in die Sammlung und der Forschungsschwerpunkt verschob sich hin zu den marinen Dekapoden (genaue Themen s. u.). Exaktere Daten zur Geschichte der Sektion finden sich in Artikeln von M. Türkay in „Natur und Museum“ (Mai-Heft 1981, Seiten 151-157) und Senckenberg-Buch 68 (1992). Michael Türkay verstarb am 9. September 2015 im Alter von 67 Jahren.

Ausgewählte Highlights des letzten und des beginnenden Jahrhunderts sind umfangreiche Monographien von Bott über Krebse und Süßwasserkrebse (Bott, Bottay 1955, Türkay 1974, 1975) sowie umfangreiche Arbeiten zu Tiefseekapoden aus dem Roten Meer (Türkay 1986) sowie verschiedene Publikationen zum Langzeitmonitoring der Dogger Bank in der Nordsee (z.B. Türkay 1991, 1992; Türkay & Kröncke 2004; Sonnewald & Türkay 2010, 2012a, b, c).

Seit April 2017 ist Angelika Brandt Kuratorin der Sektion. Die Sammlung erhält damit einen weiteren Schwerpunkt: Umfangreiches marines Isopodenmaterial kommt hinzu, wobei neben den Dekapoden nun an auch die Isopoden eine international bedeutsame Größe erreichen. Frau Prof.  Brandt hat bereits vor Antritt ihrer Stelles lange mit dem Senckenberg Forschungsinstitut zusammen. Sie war Mitglied der Gründungskommissions des Deutschen Zentrums für Marine Biodiversität in Wilhelmshaven und Hamburg (DZMB) als Teil des Senckenberg Forschungsmuseums. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Systematik, Ökologie und Evolution perakarider Krebstiere mit Fokus auf Isopoda aus Tiefsee- und Polarhabitaten. Im Rahmen der Volkszählung der Meeresorganismen hat sie in den Steuergremien des Antarktis- und des
Tiefsee-Feldprojektes CAML (Census of the Diversity of Antarctic Marine Life) und CeDAMar (Census of Diversity of Abyssal Marine Life) mitgearbeitet. Ihre Arbeit dokumentierte die hohe Biodiversität der Tiefsee-Wirbellosen im Südpolarmeer (z. B. Brandt et al. 2007). In den letzten Jahren konzentrierte sich ihr Forschungsinteresse auf die Identifizierung von Evolutionsmotoren in der Tiefsee, wie z. B. Ausbreitungsbarrieren (Brandt at al. 2017; Riehl et al. 2018), und auf die Weiterentwicklung von Probenahmeverfahren für die Tiefsee (Brandt et al. 2016). Frau Prof. Brandt wird auch die Tiefseeforschung fortsetzen (derzeit vor allem im Nordwestpazifik), die Sektion arbeitet jedoch weiterhin im Roten und dem Arabischen Meer sowie in der Nord- und Ostsee.