Sekt. Paläoanthropologie

Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald Archiv

Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald war der Begründer der Paläoanthropologie am Senckenberg Forschungsinstitut. Neben seinen Forschungsarbeiten zur Evolution des Menschen hat G. H. R. von Koenigswald in seinem wissenschaftlichen Nachlass eine umfassende paläontologische und kulturelle Sammlung von Fossilien und Steinwerkzeugen genauso wie eine große Menge von Briefen, Manuskripten und weiteren Dokumenten hinterlassen. Das Archiv aus dem Nachlass Koenigswalds gibt einen Einblick in die Arbeit von Koenigswalds und seiner Epoche.

Das Archiv enthält Unterlagen aus dem Nachlaß von Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald, der von 1968 bis zu seinem Tode im Jahr 1982 Leiter der Abteilung Paläoanthropologie im Forschungsinstitut Senckenberg war. Die dreissiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts verbrachte er auf Java in der damaligen holländischen Kolonie Niederländisch-Indien. Dort setzte er die Suche nach fossilen Überresten des Pithecanthropus fort, die Eugène Dubois im 19. Jahrhundert begonnen hatte – und dies mit Erfolg. Koenigswald hinterließ in der Abteilung Briefe, Publikationen, Fotografien und Unterlagen über die Untersuchung der in Java gefundenen Fossilien des Pithecanthropus (heute: Homo erectus). Diese Unterlagen wurden 1999 zusammengetragen und in einem Archiv geordnet. 

Wie finde ich mich im Katalog zurecht?

Das Archiv besteht aus vier Abschnitten: der Korrespondenz, den Publikationen Koenigswalds, Fotographien und weiteren Unterlagen, die sich direkt auf die javanischen Fundstellen und die Untersuchung der Fossilien beziehen.

Im ersten Abschnitt befinden sich etwa 2.000 Briefe. Zum größten Teil sind sie an ihn gerichtet; bei einem geringeren Teil handelt es sich um Durchschläge von Schreiben, die Koenigswald selber verfasst hatte. Die Korrespondenzen erstrecken sich zum Teil über viele Jahrzehnte – auch über die Zeit, die er in Java verbrachte. Im zweiten Abschnitt sind alle Publikationen Koenigswalds zusammengestellt – insgesamt etwa 280. Der dritte Abschnitt, das Fotoalbum, enthält etwa 80 Fotographien Koenigswalds. Im vierten Abschnitt befinden sich Unterlagen über die Fundstellen und die Untersuchung der Fossilien. Näheres findet sich in den unterschiedlichen Abschnitten.

Der Katalog ist genau in der selben Weise gegliedert. Anhand des Katalogs lassen sich erste Recherchen vornehmen – ob etwa bestimmtes Material überhaupt vorhanden sein könnte, ob Koenigswald mit einer bestimmten Person korrespondiert hat etc.

Wie komme ich an die Unterlagen? 

Dieser Katalog soll nur eine erste Orientierung ermöglichen und enthält keine Unterlagen wie etwa eingescannte Briefe oder ähnliches. Sie können hier in Erfahrung bringen, ob und wo Sie bestimmte Unterlagen in den Archiv-Boxen finden. Bitte verfahren Sie dabei folgendermaßen:

  1. Suchen Sie die Unterlagen in den entsprechenden Abteilungen des Katalogs.
  2. Jeweils auf der ersten Seite der vier Abteilungen finden Sie eine Übersicht, in der angegeben ist, in welcher Box die Unterlagen zu finden sind. Hier sind auch die Ordnungskriterien der entsprechenden Abteilung erläutert.
  3. Wählen Sie die entsprechende Box und melden Sie sich bei uns!

Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald

Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald wurde am 13. November 1902 in Berlin geboren. Schon früh, während seiner Schulzeit in Heppenheim an der Bergstraße, entwickelte er ein großes Interesse an der Geologie und speziell der Paläontologie. So ist es kaum verwunderlich, dass er nach Beendigung seiner Schulzeit in Berlin, Tübingen, Köln und München Geologie und Paläontologie studierte. In München promovierte er schließlich 1928 bei Erich Kaiser über „Das Rotliegende der Weidener Bucht“.

1930 bot sich dem jungen Koenigswald eine einmalige Gelegenheit: Auf Vermittlung von Ferdinand Broili erhielt er eine Anstellung beim Niederländischen Geologischen Dienst und reiste nach Java in die damalige holländische Kolonie Niederländisch-Indien. Seine Aufgabe dort bestand zunächst darin, eine stratigraphische Gliederung für das javanische Pleistozän zu erarbeiten. Aber Java war vor allen Dingen deswegen berühmt, weil Eugène Dubois dort rund vierzig Jahre zuvor fossile Überreste des Pithecanthropus gefunden hatte, nach damaliger Auffassung also des evolutiven Bindegliedes zwischen den Menschenaffen und den Menschen. Koenigswald begleitete seine Kollegen auf ihrer Suche. Es dauerte nicht lange und er wurde erstmals Zeuge der Entdeckung menschlicher Fossilien durch Cornelius ter Haar. Es handelte sich um insgesamt elf menschliche Schädel und die Reste zweier Schienbeine, die zwischen 1931 und 1933 bei Ngandong gefunden wurden. 1936 kam in der Nähe von Modjokerto im Rahmen einer Geländekartierung überraschend ein weiterer Schädel ans Licht – diesmal der eines Kindes. Der verantwortliche Geologe J. Duijfjes überließ es Koenigswald, das Fossil zu beschreiben und zu rekonstruieren. Das Modjokerto-Schädelchen besaß offenbar ein wesentlich höheres geologisches Alter als die in Ngandong gefundenen Fossilien. Nachdem er das Schädelchen zunächst Homo sp. zugeschrieben hatte, kam Koenigswald später zu dem Schluss, dass hier unbestreitbar ein neuer Pithecanthropus gefunden worden war.

Mit Unterstützung der Carnegie Foundation konnte er ab 1937 seine Fossilsuche unabhängig vom Geologischen Dienst fortsetzen. Koenigswald begann im April eine vielversprechende Fundstelle in der Nähe von Sangiran zu untersuchen und nicht lange darauf – im Juli – wurde er fündig. Es fand sich ein Unterkiefer-Fragment, das dem von Dubois bei Kedung Brubus gefundenen stark ähnelte – zweifellos ein Pithecanthropus, schlussfolgerte Koenigswald. Im August desselben Jahres fand sich schließlich ein Oberschädel, der dem von Dubois in Trinil gefundenen Schädeldach ebenfalls aufs Haar glich. Für Koenigswald bestand kein Zweifel mehr daran, dass er weitere Pithecanthropus-Fossilien gefunden hatte. Damit stieß er jedoch auf den erbitterten Widerstand von Dubois. Koenigswald ließ sich davon nicht beirren und suchte weiter. Mit der Zeit fand er in Sangiran die Überreste von sechs Individuen sowie zahlreichen Einzelzähnen, deren genaue systematische Einordnung bis auf den heutigen Tag rätselhaft blieb. 1939 reiste er mit seinen vier damals vorliegenden Funden nach Beijing an das Cenozoic Research Center zu Franz Weidenreich, der ihn bei der Bearbeitung der Fossilien unterstützte. Diese Begegnung markiert einen Wendepunkt in der Laufbahn Koenigswalds, denn er hatte in dem bekannten und renommierten Anatomen Franz Weidenreich einen väterlichen Freund und wissenschaftlichen Mentor gefunden.

1941 wurde Java im Zuge der Kriegshandlungen des Zweiten Weltkrieges von japanischen Truppen besetzt. Koenigswald geriet in Gefangenschaft und wurde bis zum Kriegsende gefangen gehalten. 1946 gelang es Franz Weidenreich, der sich seinerzeit in den Vereinigten Staaten aufhielt, Koenigswald und seine Familie mit Mitteln amerikanischer Stiftungen in die USA zu holen. Die javanischen Fossilien, die den Zweiten Weltkrieg gut verborgen und unbeschadet überstanden hatten, brachte Koenigswald mit. Im folgenden Jahr wurde ihm der Lehrstuhl für Paläontologie an der Reichsuniversität in Utrecht angeboten. Dort lehrte er bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1968. In der Utrechter Zeit unternahm er nicht nur zahlreiche Forschungsreisen nach Südafrika, auf die Philippinen, nach Thailand und Kalimantan sowie nach Pakistan; er widmete sich auch der Ausbildung des paläontologischen und paläoanthropologischen Nachwuchses. Seine Schüler T. Jacob, P. Marks und S. Sartono nahmen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Fossilsuche in Sangiran wieder auf und fanden selbst wichtige Fossilien. Koenigswald beschäftigte sich mit fossilen Säugetieren und widmete sich wieder stärker stratigraphischen Fragen, etwa der geologischen Abgrenzung von Mio-, Plio- und Pleistozän. Darüber hinaus untersuchte er Tektite, Glas-Meteorite, die als absolut datierbare Zeitmarken eine große Bedeutung für die genaue Einstufung der javanischen Fundstätten hatten.

Im Jahr 1968 schließlich kam Koenigswald nach Frankfurt: Die Werner-Reimers-Stiftung hatte eine eigene paläoanthropologische Abteilung am Forschungsinstitut Senckenberg eingerichtet, die auch heute noch existiert. Im Museum wurde eine Ausstellung zur menschlichen Evolution eingerichtet. Ein beträchtlicher Teil seiner Sammlungen konnte damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Und selbstverständlich erhielten die javanischen Fossilien einen Ehrenplatz darin….

Literaturhinweise zu G. H. Ralph von Koenigswalds Leben und Werk

  • SNG (1982): G. H. R. von Koenigswald. Natur und Museum 112 (9): 306-307.
  • Marks, P. & Drooger, C. W. (1983): Levensbericht van Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald. Jaarboek van de Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, pp. 7.
  • Franzen, J. L. (1983): In memoriam Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald 1902-1982. Senckenbergiana lethaea 64 (5/6): 381-402.
  • Franzen, J. L. (1983): Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald 1902-1982. SVP News Bulletin 127: 46-48.
    Tobias, P. V. (1983): Tribute to the late Professor Dr. G. H. R. von Koenigswald (1902-1982). Paläontologische Zeitschrift 57 (3/4): 171-173.
  • Tobias, P. V. (1984): The Life and Work of Prof. Dr. G. H. R. von Koenigswald. In: Ziegler, W. (Hrsg.): Auf den Spuren des Pithecanthropus. Leben und Werk von Prof. Dr. Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald (1902-1982). Aufsätze und Reden der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft 34: 1-102.