Im Interview

Elfenbein adé? Wissen und Lösungen für Erde und Mensch


Wer Wissenschaft in Politik und Gesellschaft tragen möchte, steht vor neuen Herausforderungen. Welche das sind und wie sich Senckenberg ihnen konstruktiv nähert, darüber spricht Institutsdirektorin des Biodiversität und Klima Forschungszentrums und Direktoriumsmitglied Katrin Böhning-Gaese.

Frau Professorin Böhning-Gaese, Sie leiten seit 2017 das Programm „Wissenschaft und Gesellschaft“. Warum brauchen wir dieses Programm?

Das lässt sich aus der Satzung unserer Gesellschaft ableiten. Sinngemäß heißt es darin, dass der Zweck unserer Einrichtung darin besteht, Naturforschung zu betreiben und ihre Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen. Das tun wir nun seit unserer Gründung im Jahr 1817.  Geändert hat sich allerdings, wie wir unser Wissen vermitteln beziehungsweise wie wir miteinander kommunizieren. Das liegt vor allem auch daran, dass Senckenberg sich heute zunehmend mit gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigt. Auf unserer Agenda stehen Fragen und Probleme, die alle angehen – und die wir letztlich nur gemeinsam lösen können. Deshalb braucht es den Dialog – und zwar auf Augenhöhe!

 

Welche sind die vordringlichsten Themen?

Nehmen wir das Artensterben: Spätestens seit der Veröffentlichung des Globalen Berichts des Weltbiodiversitätsrats IPBES Anfang Mai 2019
wissen wir, dass die Lage sehr ernst ist. Von weltweit rund acht Millionen Arten sind eine Million vom Aussterben bedroht, die Aussterberaten liegen derzeit mindestens 10- bis 100-mal höher als in den letzten zehn Millionen Jahren. Das hat Folgen für das Funktionieren von Ökosystemen, für unsere Ernährung, unsere Gesundheit, aber auch, wenn man so möchte, für unsere Seele. Senckenberg muss dieses Thema adressieren.

An wen genau? Was können wir tun, um den Verlust der Biodiversität aufzuhalten? Und wie kommt dabei das Programm „Wissenschaft und Gesellschaft“ ins Spiel?

Letztlich brauchen wir eine Transformation von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um eine nachhaltige Entwicklung in allen Bereichen einzuleiten und umzusetzen. Um beispielsweise das Insektensterben in unserer Agrarlandschaft zu stoppen, reicht es nicht aus, Neonikotinamide und Glyphosat zu verbieten. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die nicht ausschließlich auf maximale Rentabilität und Produktion ausgerichtet ist. Wir müssen unser Augenmerk auf alles richten: den Boden, die Bestäuber, die CO2-Bindung. Und dazu gehört auch der Mensch: die Verbrau cher*innen, die gute und gesunde Lebensmittel brauchen, wie auch die Landwirt*innen, die auf ein gutes Auskommen angewiesen sind. Sprich: eine Landwirtschaft, die auch unsere Kinder und Enkelkinder noch gut ernährt. Deshalb ist es erforderlich, unser Konsumverhalten zu ändern und unseren ökologischen Fußabdruck möglichst kleinzuhalten. Vor allem müssen wir unsere Werte überdenken und fragen, was ein „gutes Leben“ ausmacht.

Welche Impulse kann die Wissenschaft, kann Senckenberg hier setzen? Wie erreichen wir die Menschen?

Forschungsmuseen wie Senckenberg sind als Orte der Begegnung für solche Debatten wie geschaffen. Die meisten Besucher*innen kommen, weil sie staunen und spannende Geschichten hören möchten. Immer mehr Menschen kommen aber auch zu uns, weil sie sich um unseren Planeten Erde sorgen und informieren möchten. Neben Ausstellungen und Exponaten brauchen wir im Museum aber auch Raum und Zeit für den Dialog, für konstruktives Miteinander-Diskutieren. Senckenberg kann die wissenschaftlichen Fakten vermitteln, die es hierfür braucht. Bei uns kann man auch mitforschen und – das ist neu – bei der Erarbeitung von Lösungen für Mensch und Erde mitarbeiten.

Als Bürgerwissenschaftler*in?

Zum Beispiel, aber nicht nur. Denken sie etwa an das Projekt „Biokompass“ und unsere neue partizipative Sonderausstellung „Zukunft gestalten – Wie wollen wir leben?“. Wir würden uns wünschen, dass unsere Besucher*innen nicht nur ins Museum kommen, um sich zu informieren, sondern danach hinausgehen und etwas verändern. Herr Wenzel, werden Sie im Jahr 2040 noch Ihre Bratwurst auf dem Wochenmarkt essen? Greifen Sie dann nicht lieber auf ein Biomüsli aus der Region zurück oder auf Algen aus ihrem eigenen kleinen Bioreaktor?

Es gibt kein richtiges Leben im falschen! Jedenfalls hoffe ich doch, auch in 20 Jahren noch Fleisch essen zu können und nicht mehr so furchtbar lange nach wirklich „guten Lebensmitteln“ suchen zu müssen. Aber um der quälerischen Massentierhaltung Einhalt zu gebieten, würde ich deutliche Abstriche machen. Ich denke, dass wir die Menschen beim Museumsbesuch nicht läutern können. Müssen wir unsere Forschung auf diese neuen Anforderungen der Gesellschaft ausrichten?

Sie haben recht, was den Museumsbesuch an belangt. Aber wir können Impulse setzen. In puncto Forschung bin ich überzeugt, dass die Gesellschaft auf die Forschung, wie Senckenberg sie betreibt, angewiesen ist: die Erforschung der Arten, der Lebensräume heute und in früheren Zeiten, nicht zuletzt um aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Hier dürfen wir keine Abstriche machen. Wir brauchen aber auch mehr anwendungsorientierte Forschung und Forschung zusammen mit Sozialwissenschaftler*innen, damit wir die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen in den Blick nehmen, das Bedürfnis nach Natur, aber auch nach auskömmlichem Einkommen,
nach sozialer Gemeinschaft.

Haben sich die Belange der Menschen geändert?

Sie sind näher an unsere Themen gerückt als jemals zuvor. Im Rückblick auf 30 Jahre Biodiversitätsforschung kann ich sagen: Wir Wissenschaftler*innen müssen unsere Stimme erheben und lauter werden. Wir müssen das Artensterben und seine Folgen thematisieren, mit den Fakten aufwarten und politische wie gesellschaftliche Debatten einfordern. Das hat beim Insektensterben funktioniert. Die Wissenschaft hat sich, unterstützt durch die Bürger*innen, formiert und brachte sich mit konkreten Lösungsvorschlägen ein. Die gemeinsame Stellungnahme zum Artensterben von Leopoldina, acatec und Akademieunion zum Beispiel stieß in der Politik auf großes Interesse. Gerade entsteht eine neue Fassung, in der wir konkrete Handlungsempfehlungen für die verschiedenen Ressorts erarbeiten, um dem Artensterben Einhalt zu gebieten. Ein „weiter so wie bisher“ darf es nicht geben, das sind wir unseren Kindern schuldig.

Das stimmt optimistisch. Ich danke für das Gespräch.

Im Gespräch waren

Katrin Böhning-Gaese
Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese
Professor, Director "Senckenberg Biodiversity and Climate Research Centre", Member of Senckenberg Board of Directors, Speaker of Research Field "Biodiversity and Climate", Speaker of "Science and Society Program"

RESEARCH INTERESTS: Macroecology, community ecology and Social-Ecological Systems

  • Influence of global change on animal communities in the tropics and in the temperate region
  • Relationships between animal communities, ecosystem functions and ecosystem services
  • Relationships between biodiversity and human well-being in Social-Ecological Systems

TEACHING: Courses at Goethe University Frankfurt in the MSc Ecology and Evolution and in the BSc Biology

MSc Ecology and Evolution and MSc Environmental Sciences: module „Community ecology, Makroökologie und Naturschutz“

  • Content: The module includes an introductory lecture, seminars on current scientific publications, and computer and field practicals. It gives an overview about theory, statistical methods and applications of community ecology and macroecology, as well as consequences for regional and global conservation prioritisation. The module includes an ornithological fieldwork practical outside Frankfurt (duration 1 week). 
  • Contact: Susanne Fritz, Phone: +49 (0)69 7542 1803 E-Mail: susanne.fritz@senckenberg.de

BSc Biology: specialisation module „Ökologie der Tiere“ (animal ecology) – part „Makroökologie – Einfluss des Klimawandels auf Artverbreitungen“ (macroecology – influence of climate change on species distributions)

  • Content: In our part of the module we investigate the potential effects of climate change on the distributions of different European bird species. We use species distribution models to project potential distributions of birds in dependency of climate scenarios for the end of the 21st century.
  • Contact: Thomas Müller, Phone: +49 (0)69 7542 1889 E-Mail: thomas.mueller@senckenberg.de

Curriculum Vitae

SELECTED PUBLICATIONS

For a full list of publications, please see my profile on Google Scholar

Schleuning, M., E.-L. Neuschulz, J. Albrecht, I. M. A. Bender, D. E. Bowler, D. M. Dehling, S. A. Fritz, C. Hof, T. Müller, L. Nowak, M. C. Sorensen, K. Böhning-Gaese , and W. D. Kissling (2020): Trait-based assessments of climate-change impacts on interacting species. Trends in Ecology & Evolution 35: 319-328

Bowler, D. E., H. Heldbjerg, A. D. de Jong, and K. Böhning-Gaese (2019): Long-term declines of European insectivorous bird populations and potential causes. Conservation Biology 33: 1120-1130.

Peters, M. K., A. Andreas Hemp, T. Appelhans, J. N. Becker, C. Behler, A. Classen, F. Detsch, A. Ensslin, S. W. Ferger, S. B. Frederiksen, F. Gebert, F. Gerschlauer, A. Gütlein, M. Helbig-Bonitz, C. Hemp, W. J. Kindeketa, A. Kühnel, A. V. Mayr, E. Mwangomo, C. Ngereza, H. K. Njovu1, I. Otte, H. Pabst, M. Renner, J. Röder, G. Rutten, D. Schellenberger Costa, Natalia Sierra-Cornejo, M. G. R. Vollstädt, H. I. Dulle, C. D. Eardley, K. M. Howell, A. Keller, R. S. Peters, A. Ssymank, V. Kakengi, J. Zhang, C. Bogner, K. Böhning-Gaese, R. Brandl, D. Hertel, B. Huwe, R. Kiese, M. Kleyer, Y. Kuzyakov, T. Nauss, M. Schleuning, M. Tschapka, M. Fischer, and I. Steffan-Dewenter (2019): Climate-land use interactions shape tropical mountain biodiversity and ecosystem functions. Nature 568: 88-92

Hof, C., A. Voskamp, M. F. Biber, K. Böhning-Gaese, E. K. Engelhardt, A. Niamir, S. G. Willis, and T. Hickler (2018): Bioenergy cropland expansion may offset positive effects of climate change mitigation for global vertebrate diversity. PNAS 115: 13294-13299.

Albrecht, J., A. Classen, M. G. R. Vollstädt, A. Mayr, N. P. Mollel, D. Schellenberger Costa, H. I. Dulle, M. Fischer, A. Hemp, K. M. Howell, M. Kleyer, T. Nauss, M. K. Peters, M. Tschapka, I. Steffan-Dewenter, K. Böhning-Gaese , and M. Schleuning (2018): Plant and animal functional diversity drive mutualistic network assembly across an elevational gradient. Nature Communications 9: 3177.

Arbieu, U., C. Grünewald, B. Martín-López, M. Schleuning, and K. Böhning-Gaese (2018): Large mammal diversity matters for wildlife tourism in Southern African protected areas: insights for management . Ecosystem Services 31, Special Issue: 481-490 .

Tucker, M. A., K. Böhning-Gaese , …, T. Mueller (2018): Moving in the Anthropocene: Global reductions in terrestrial mammalian movements. Science 359: 466-469.

Bowler, D. E., C. Hof, P. Haase, I. Kröncke, O. Schweiger, R. Adrian, L. Baert, H.-G. Bauer, T. Blick, R. W. Brooker, W. Dekoninck, S. Domisch, R. Eckmann, F. Hendrickx, T. Hickler, S. Klotz, A. Kraberg, I. Kühn, S. Matesanz, A. Meschede, H. Neumann, B. O’Hara, D. J. Russell, A. F. Sell, M. Sonnewald, S. Stoll, A. Sundermann, O. Tackenberg, M. Türkay, F. Valladares, K. van Herk, R. van Klink, R. Vermeulen, K. Voigtländer, R. Wagner, E. Welk, M. Wiemers, K. H. Wiltshire, and K. Böhning-Gaese (2017): Cross- realm assessment of climate change impacts on species’ abundance trends. Nature Ecology & Evolution 1: 0067.

Peters, M. K., A. Hemp , T. Appelhans, C. Behler, A. Classen, F. Detsch, A. Ensslin, S. W. Ferger, S. B. Frederiksen, F. Gebert, M. Haas, M. Helbig-Bonitz, C. Hemp, W. J. Kindeketa, E. Mwangomo, C. Ngereza, I. Otte, J. Röder, G. Rutten, D. Schellenberger Costa, J. Tardanico, G. Zancolli, J. Deckert, C. D. Eardley, R. S. Peters, M.-O. Rödel, M. Schleuning, A. Ssymank, V. Kakengi, J. Zhang, K. Böhning-Gaese , R. Brandl, E. K. V. Kalko, M. Kleyer, T. Nauss, M. Tschapka, M. Fischer, I. Steffan-Dewenter (2016): Predictors of elevational biodiversity gradients change from single taxa to the multi-taxa community level. Nature Communications 7: 13736.

Schleuning, M., J. Fründ, O. Schweiger, E. Welk, J. Albrecht, M. Albrecht, M. Beil, G. Benadi, N. Blüthgen, H. Bruelheide, K. Böhning-Gaese , D. M. Dehling, C. F. Dormann, N. Exeler, N. Farwig, A. Harpke, T. Hickler, A. Kratochwil, M. Kuhlmann, I. Kühn, D. ​ Michez, S. Mudri-Stojnić, M. Plein, P. Rasmont, A. Schwabe, J. Settele, A. Vujić, C. Weiner, M. Wiemers, and C. Hof (2016): Ecological networks are more sensitive to plant than to animal extinction under climate change. Nature Communications 7: 13965 .

Fritz, S. A., J. T. Eronen, J. Schnitzler, C. Hof, C. M. Janis, A. Mulch, K. Böhning-Gaese , and C. H. Graham (2016): Twenty-million-year relationship between mammalian diversity and primary productivity. PNAS 113: 10908-10913.

Teitelbaum, C. S., S. J. Converse, W. F. Fagan, K. Böhning-Gaese , R. B. O’Hara, A. E. Lacy, and T. Mueller (2016): Experience drives innovation of new migration patterns in response to global change. Nature Communications 7:12793.

Neuschulz, E. L., T. Mueller, M. Schleuning, and K. Böhning-Gaese (2016): Pollination and seed dispersal are the most threatened processes of plant regeneration. Nature Scientific Reports : 29839.

Ferger, S., M. Schleuning, A. Hemp, K. M. Howell, and K. Böhning-Gaese (2014): Food resources and vegetation structure mediate climatic effects on species richness of birds. Global Ecology and Biogeography 23: 541-549.

Fritz, S. A., J. Schnitzler, J. T. Eronen, C. Hof, K. Böhning-Gaese , and C. H. Graham (2013): Diversity in time and space: wanted dead and alive. Trends in Ecology and Evolution 28: 509-516.

Lenz, J., W. Fiedler, T. Caprano, W. Friedrichs, B. H. Gaese, M. Wikelski, and K. Böhning-Gaese (2011): Seed dispersal distributions by trumpeter hornbills in fragmented landscapes. Proceedings of the Royal Society B 278 : 2257 – 2264 .

Jetz, W., C. H. Sekercioglu, and K. Böhning-Gaese (2008): The worldwide variation in avian clutch size across species and space. PLOS Biology e303, doi:10.1371/journal.pbio.0060303 .

Kissling, W. D., C. Rahbek, and K. Böhning-Gaese (2007): F ood plant diversity as broad-scale determinant of avian frugivore richness. Proceedings of the Royal Society B 274: 799-808.

Böhning-Gaese, K. , T. Caprano, K. van Ewijk, and M. Veith (2006): Range size: disentangling current traits and phylogenetic and biogeographic factors. American Naturalist 167: 555-567.

Böhning-Gaese, K. (1997): Determinants of avian species richness at different spatial scales. Journal of Biogeography 24: 49-60.

Thorsten Wenzel
Leitung Natur • Forschung • Museum Frankfurt/M.