Myriapoda

Forschung


Forschungsschwerpunkte der Sektion

Bodentiere Erleben, Erkennen, Erfassen, Erforschen 

Selbst Menschen, die sich sehr für Bodentiere interessieren, haben es schwer, sich einen Überblick über diese Tiergruppe zu verschaffen. Die meiste Literatur ist für Spezialist*innen geschrieben, sie enthält wenige Abbildungen und ist in der Regel nicht über den normalen Buchladen zu bekommen. Um diese Hindernisse abzubauen, wird das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz ein deutsch-englisches Onlineportal für Bodentiere und deren Bestimmung entwickeln. Die Anwendung mit dem Namen „BODENTIER hoch 4“ soll im Frühjahr 2020 mit einer Website und einer App (Android, iOS) online gehen und allen Naturbegeisterten das Erleben, Erkennen, Erfassen und Erforschen von Bodentieren erleichtern. Die Programmierung von „BODENTIER hoch 4“ übernimmt die Kunert Business Software GmbH, die u. a. bei den Onlineportalen „Insekten Sachsen“ und „Schmetterlinge Deutschlands“ dabei ist.

Um den Interessierten einen vergleichsweise einfachen Einstieg zu ermöglichen, wurden deshalb die Landasseln (ca. 60 Arten), die Doppelfüßer (ca. 140 Arten) sowie die Hundertfüßer (ca. 60 Arten) gewählt. Die Vorteile: Sie sind in Deutschland weit verbreitet und häufig, mit bloßem Auge zu erkennen (5­­-70 mm Länge), in nahezu allen Biotopen anzutreffen und teilweise auch ohne Mikroskop bestimmbar. Sie eignen sich also bestens als Einstieg in die große Welt der Bodentiere!

Vier Angebote von BODENTIER hoch 4

ERLEBEN Das Portal wird viele Informationen der verschiedenen Tierarten (Steckbrief, Artbeschreibungen, Verbreitung, Ökologie) sowie zahlreiche Bilder enthalten. Alle Texte werden allgemeinverständlich verfasst.

ERKENNEN Für ca. 250 in Deutschland vorkommende Bodentierarten entwickeln wir gemeinsam mit Fachkollegen anderer Institutionen und fachkundigen Bürgerwissenschaftlern (z. B. Andreas Allspach, Frankfurt) benutzerfreundliche, intelligente, interaktive Bestimmungsschlüssel. Der Nutzer, ob Neuling oder Fortgeschrittener, soll über leicht zu erkennende Merkmale und viele Bilder rasch zu einem sicheren Ergebnis gelangen.

ERFASSEN Das Bestimmungsergebnis kann zusammen mit Angaben zum Fundort und Fotos an das Portal übermittelt werden. Die eingehenden Fundmeldungen werden nach Überprüfung einem Experte für diese Tiergruppe im Datenportal freigeschaltet und an die bodenzoologische Datenbank Edaphobase übermittelt.

ERFORSCHEN Durch die Beschäftigung mit einer Tiergruppe, die Bestimmungserfolge und zunehmenden Artenkenntnisse wird man Bürgerwissenschaftler*in für Bodentiere und wirkt aktiv an der Erforschung zur Verbreitung, Häufigkeit und Ökologie mit.

Dieses Projekt wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert und ist ein Teilprojekt im Bundesprojekt museum4punkt0.

Postembryonale Entwicklung Lithobiomorpher Chilopoda 

In Fortsetzung der Beschreibung der Lebenszyklen von verschiedenen Lithobius-Arten  werden Untersuchungen zur stadialen Entwicklung einzelner taxonomisch relevanter (morphologischer) Merkmale durchgeführt. Langfristiges Ziel ist ein Bestimmungsschlüssel für Juvenile.
In den aktuell entwickelten Systemen zur biologischen Beurteilung von Böden und Neufassung der bundesweiten Roten Listen nehmen die Chilopoda einen wichtigen Platz ein. Für eine vollständige indikatorische Nutzung dieser Gruppe ist jedoch Forschung notwendig, um die Kenntnis der Autökologie, Bionomie und Phänologie der Chilopoda als stabile Forschungsbasis zu entwickeln. Die Einbeziehung aller postembryonalen Stadien im Ergebnis dieses Projektes vervielfacht die quantitative Grundlage der indikationsökologischen Bedeutung der Chilopoda.
Für die Untersuchungen zur Entwicklungsbiologie sind zeitintensive Laborzuchten in Kombination mit Freilanderhebungen notwendig. Neben der Erfassung diverser Körpermaße muss die Ausbildung verschiedener anderer Merkmale (z.B. Bedornung der Beine) für jedes Stadium einzeln ermittelt und auf taxonomische Relevanz geprüft werden. Außerdem gilt es, bisher nicht beachtete Unterscheidungsmerkmale für die Juvenilen einzelner Arten zu finden.

Untersuchungen zur Biodiversität  von Myriapoda in einem (nord)mediterranen Transsekt (Spanien bis Kaukasus)

Untersuchungen der Myriapoden-Besiedlung von max. 10 ausgewählten geographischen Bereichen entlang eines (nord)mediterranen W-O- Transsektes verfolgen das Ziel, die Verbreitung dieser Tie rgruppe in unterschiedlichen Regionen hinsichtlich Artenspektrum, Lebenszyklus, Ökologie und Einfluss auf den Lebensraum zu erforschen. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei Arten mit großer ökogeographischer Potenz und damit vermutlich breiter Varianz der ökologischen Umweltansprüche.
Das Projekt basiert auf den breiten Erfahrungen der Sektion Myriapoda zur Standortsabhängigkeit von Myriapoden-Kollektiven im zentraleuropäischen Bereich. Ein vergleichbares Verständnis im nordmediterranen Bereich fehlt. Informationen über Arten, die in diesem Bereich mit einer großen Variabilität ihres Habitus weit verbreitet sind (z.B. Geophilus carpophagus), lassen neue Erkenntnisse zum ökogeographischen Verhalten dieser Arten in Abhängigkeit von Siedlungsorten im Arealzentrum bzw. an den Arealgrenzen erwarten. Aus diesem Grund hebt das Projekt nicht in erster Linie auf zu erwartende endemische Arten ab, sondern stellt die Erweiterung der Kenntnis der Habitatansprüche von weit verbreiteten Myriapoden in den Mittelpunkt. Hiermit wird der Anspruch wissenschaftlich erweitert, Myriapoden unter Ausnützung von Kenntnissen über das Artenspektrum und typischer Eigenschaften der Besiedler hinsichtlich Lebenszyklus und ökologischen Ansprüchen als besonders standortsabhängige Bodenorganismen zur Indikation von Bodenbedingungen heranzuziehen.
Das Projekt wird in Jahresscheiben durchgeführt, wobei aktuell Spanien und Tunesien im Mittelpunkt stehen.

Untersuchungen zur Autökologie und Verbreitung Diplopoda und Chilopoda Deutschlands 

Das Projekt verfolgt langfristig die Erarbeitung einer umfassenden Darstellung zur Faunistik und Habitatwahl der Diplopoda und Chilopoda Mitteleuropas. Hierzu existieren bisher nur für ausgewählte ostdeutsche Arten knappe Darstellungen, für Mitteleuropa oder gar weltweit gibt es kein einziges zusammenfassendes Werk, auch nicht über eine Teilgruppe. Diese Lücke behindert den Fortschritt der ökologischen Forschung und muss schrittweise geschlossen werden. Wie dringend notwendig dies ist, zeigt, dass es erst auf der Basis einer vergleichenden Bewertung von Verbreitung, Ökologie und Bestandsentwicklung der Myriapoda zur Formulierung eines Schutzstatus in Form Roter Listen kommen kann.

Erstellung von „Roten Listen“ für Diplopoda/Chilopoda 

Um Arten- und Biotopschutzprogramme inhaltlich und juristisch handhabbar zu machen, werden Roten Listen für schutzwürdige Arten erstellt, die auch eine relativ leichte Erkennung besonders schutzwürdiger Naturflächen ermöglichen. Dieses System hat jedoch gegenwärtig noch unakzeptable Lücken – direkt auf oder sogar im Boden lebende Tiergruppen blieben bisher weitgehend unberücksichtigt. Damit ist jedoch der Boden als einer der drei bestimmenden Lebensräume von der Beurteilung eines Biotops ausgeschlossen. Nachdem in Deutschland der Schutz des Bodens als Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen durch das Bodenschutzgesetz (1998) ausdrücklich gesichert ist und die Erhaltung der Vielfalt und Funktion der Boden-Lebensgemeinschaft gefordert wird, besteht um so mehr Grund und Notwendigkeit, die hierfür nötige Kenntnis in einem Nachholprogramm für Bodentiere beschleunigt zu erarbeiten. Als eine solche durch ihre Lebensweise und ihre differenzierte Verbreitung besonders geeignete Tiergruppe sind die beiden großen Gruppen der Myriapoda (Tausendfüßer), die saprophagen Doppelfüßer (Diplopoda) und die zoophagen Hundertfüßer (Chilopoda), in diesem Projekt zu bearbeiten.

Auf der Basis der umfangreichen Sammlungen des Bereiches Myriapoda des Museums Görlitz (zugehörige Datenbanken, erschlossener Literaturbestand, Kenntnis der Verbreitung der Arten) ist es möglich, für Diplopoden- und Chilopoden-Arten einen erforderlichen Schutzstatus zu bestimmen. Damit entstehen erstmals für einzelne deutsche Bundesländer Rote Listen der Diplopoda und Chilopoda, die darüber hinaus für überregionale Forschungen Aussagen ermöglichen und Orientierungspunkte bieten. Die Roten Listen für Gesamtdeutschland sind derzeit noch im Druck.
Außerdem sind Verbreitung, Autökologie und Bestandsentwicklungen der Arten kontinuierlich zu verfolgen, um den Schutzstatus gefährdeter Arten überwachen und bestimmen zu können. Es ist notwendig, „Rote Listen“ mindestens aller 10 Jahre zu aktualisieren.

Naturschutzfachliche Untersuchungen zur Erfassung und Bewertung der Vorkommen kennzeichnender Myriapodenarten der FFH-LRT in FFH-Gebieten sowie gefährdeter Biotypen Ostdeutschlands 

Die Auswertung umfangreichen Datenmaterials ermöglicht die Aufstellung von Listen der Myriapoden-Arten gefährdeter Biotoptypen für einige ostdeutsche Länder sowie die Bewertung der Vorkommen von Myriapoden-Arten in FFH-Gebieten.
Die Basis für die Bewertung der Vorkommen von kennzeichnenden Myriapoden-Arten in FFH-Gebieten bilden die Check-Listen der einzelnen Länder. Solche Check-Listen gibt es für die stark vernachlässigten Myriapoden derzeit nur für Sachsen-Anhalt, Bayern und Baden-Württemberg. Hier ist schnellstmöglich mit einem Nachholprogramm an andere Tiergruppen Anschluß zu finden.
Das Projekt setzt sich aus kontinuierlich fortlaufenden Einzelprojekten zusammen. Derzeit ist es beschränkt auf die Erfassung relativ kleinräumiger Skalen, hier der ostdeutschen Länder Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen.

Die Check-Listen der Länder sollten durch Einzeldarstellungen zu vorhandenen oder geplanten Natur- und Landschaftsschutzgebieten erweitert werden. Hierzu ist Datenmaterial aus diesem Projekt, aus Aufsammlungen noch zu benennender Projektpartner und den Sammlungen des Görlitzer Museums auszuwerten. Begünstigend hierfür wirkt sich in diesem Zusammenhang eine enormer Sammlungszuwachs durch die Kooperation mit anderen Institutionen (z.B. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt) aus.
Unter Einbeziehung dieser bisher vernachlässigten Bodentiergruppen soll auch der Boden als Lebensraum für Planungen, Unterschutzstellungen oder Erhaltung von Schutzgebieten bewertet und berücksichtigt werden.

Bodenzoologische Taxonomisch-Ökologische Datenbank (EDAPHOBASE)

Durch diese umfassende Datenbank für Diplopoda und Chilopoda wird die Berarbeitung spezieller Fragen zu Ökologie und Zoogeographie in diesem Umfang erstmals möglich. Hiermit wurden die Arbeitsziele der nächsten Jahre vorbereitet, v.a. die Bereitstellung der Datenbasis für Untersuchungen und Modellierungen von Arealverschiebungen, Änderungen des ökologischen Verhaltens der Arten u.ä. (z.B. im Zusammenhang mit dem Klimawandel –LOEWE).

Fortführung der Langzeitstudie („Sukzession-Projekte“) 

“ Immigration und Sukzession ausgewählter Gruppen der Bodenfauna in terrestrischen Kippökosystemen und Bergbaurandflächen und Entwicklung eines bodenbiologischen Indikatorsystems zur Bewertung landschaftspflegerischer Maßnahmen“ 

Die nunmehr seit 50 Jahren laufende Untersuchung der Sukzession von Bodentieren in der Bergbaufolgelandschaft wird für verschiedene Gruppen (v.a. Lumbricidae, Chilopoda, Diplopoda) weitergeführt und eine Bearbeitung noch ausstehender Gruppen (z.B. Isopoda, Symphyla) angestrebt.

Neue methodische Ansätze zur Erfassung von Bodenarthropoden 

Das Projekt setzt sich aus mehreren Teilprojekten zusammen, an dessen Anfang biologisch-verhaltenskundliche Überprüfungen von eingeführten quantitativen Erfassungsmethoden der epedaphischen Bodenfauna (Bewertung des Bodenfallenfanges) standen.
Es wird fortgesetzt mit Untersuchungen zum Einsatz spezieller Fallentypen (Minicontainer, „Lichtfang“) und deren Lockwirkung auf Bodenarthropoden.
Im Gegensatz zu epigäisch lebenden Arthropoden gibt es für endogäisch lebende Faunenelemente wie beispielsweise geophilomorpe Chilopoda keine zuverlässige Methode, laufaktive Individuen zu erfassen.
Im Rahmen des Projektes werden funktionale Bodenfallen entwickelt, mit denen diese Spezies zeitextensiv, repräsentativ und wenig störanfällig gefangen werden können.

Abgeschlossene Forschungsvorhaben

1972-1975: Projekt “Ökosystemforschung (Leutratal)“– mittelbare Beteiligung durch Bearbeitungen der Diplopoden und Chilopoden

1960-1987: Langzeitprojekt „Neißetal“

1990-1992: „Urbanprojekt Leipzig“

2001-2006: „SUBICON“

Das Landesamt für Umweltschutz in Halle startete 1994 ein landesweites Erfassungsprogramm in gefährdeten Biotoptypen des Landes Sachsen-Anhalt mit dem Komplex „Trockenhabitate“. Es vereinbarte mit der Abteilung Bodenzoologie des Museums die Bearbeitung der Diplopoda und Chilopoda durch Dr. K. Voigtländer. Untersucht wurden 50 Standorte, meist Naturschutzgebiete, aber auch Truppenübungsplätze. Das Gesamtergebnis dieses 1. Projektteiles fand seinen Niederschlag in mehreren Publikationen. In einer 2. Arbeitsstufe wurden Niedermoore, Moore und diverse Waldstandorte erfasst.