Neue Arten aus der Antarktis. Die Ruderfußkrebse Emertonia andeep, Wellsopsyllus antarcticus, Emertonia berndi.

Die Schönheit im Verborgenen

Interview mit Senckenberg Fachgebietsleiterin für Ökologische Biodiversitätsforschung Dr. Gritta Veit-Köhler


Ihre erste Expedition in der Antarktis liegt nun schon mehr als 20 Jahre in der Vergangenheit. Seitdem erforscht Gritta Veit-Köhler die Besonderheiten von Lebewesen im Meeresboden, welche kleiner als einen Millimeter sind und die sogenannte Meiofauna bilden. Gemeinsam mit ihren Student*innen entdeckt und beschreibt sie neue Arten von Ruderfußkrebsen. Im Interview spricht die Senckenberg-Forscherin über aufregende Expeditionen in der Antarktis, die Funktion der Meiofauna in unserem Ökosystem und die Bedeutsamkeit der Artenbeschreibung.

Frau Veit-Köhler, können Sie sich noch an ihre erste Expedition erinnern?

Ja, das war während meiner Doktorarbeit im Jahr 1994, da bin ich in die Antarktis gefahren.
Dabei handelte es sich nicht um eine Expedition mit einem Forschungsschiff, sondern auf einer Annex Station auf King George Island, nordwestlich von der antarktischen Halbinsel. Diese Station ist angebaut an eine argentinische Station. Wir lebten dort in Containerhäusern und untersucht die anliegende Bucht. Bei meiner ersten Expedition durfte ich leider noch nicht tauchen, da ich zu dem Zeitpunkt noch nicht die Forschertauchausbildung absolviert hatte. Das empfand ich als sehr unbefriedigend, denn wenn man schon vor Ort ist, will man am liebsten selbst die Proben entnehmen. Wir waren während dieser Zeit auch komplett abgeschnitten von der Außenwelt. Damals  gab es kein Internet und auch keine Telefonverbindung. Die einzige Möglichkeit Familie und Freunde zu kontaktieren, war über den Funkraum der argentinischen Forschungsbasis ein Gerät in Buenos Aires anzufunken, welches dort auf einen Telefonhörer gelegt wurde, der nach Deutschland gerufen hat. Viel habe ich da also nicht mit meiner Familie telefoniert.

Sie konnten sich also komplett auf die Forschung konzentrieren?

Ja das stimmt. Wir mussten ja auch nicht einkaufen, nicht putzen, nicht kochen. Plötzlich war ganz viel Zeit für andere Aktivitäten. Es wurde viel musiziert, ein Chor wurde gegründet, wir haben viel gemalt und es gab natürlich auch die ein oder andere Party, auf der wir Salsa tanzen lernen konnten. Es gab also immer die Möglichkeit sich auch kreativ auszuleben.

Sie hatten gerade das Tauchen schon erwähnt, wieviel Körpereinsatz ist bei Expeditionen in der Antarktis gefordert?

Die nötige Tauchausbildung ist sehr anstrengend, denn ein Forschungstaucher muss nach gewissen Regeln tauchen. Beispielsweise taucht man allein, mit viel zusätzlichem Gewicht wegen des Tauchanzuges, und immer an einer Leine als Kontakt zur Oberfläche. Es ist natürlich auch mit viel Training verbunden. Ich erinnere mich an meine vierwöchige Endausbildung auf Helgoland, wo die Tage um 5 Uhr morgens mit Ausdauertraining begannen und nach intensivem Schwimm-, Schnorchel-, und Tauchtraining abends mit Theorieunterricht endeten. Tauchen ist eine sehr anstrengende Disziplin. Irgendwann habe ich dann angefangen Expeditionen mit dem Forschungsschiff Polarstern zu machen, da werden die Proben mit Geräten aus der Tiefsee entnommen. Seitdem tauche ich auch nicht mehr. Aber in der Antarktis getaucht zu haben war schon ein großes Erlebnis.

So fing alles an: Taucheinsatz mit argentinischen Kollegen unter dem Eis

Wie viele Menschen sind denn an so einer Expedition beteiligt?

Auf der argentinischen Forschungsstation waren ungefähr 80 Personen vor Ort, davon vielleicht acht oder zehn Deutsche. Die Tauchgruppen setzten sich immer international zusammen und jeder hat im Grunde die Tiere auf dem Meeresboden oder im freien Wasser von der anliegenden Bucht untersucht. Aber natürlich gab es auch Forscher*innen, die sich beispielsweise mit Botanik beschäftigten und auf dem Land Flechten oder Pflanzen untersucht haben. Oder Forscher*innen, die mit Pinguinen und Robben oder flugfähigen Vögeln gearbeitet haben. Die Station setzte sich also aus allen möglichen Menschen zusammen, die verschiedene Tiere und Pflanzen auf, über, und unter dem Wasser, sowie an Land untersucht haben.

Nun stellen aufwendige Expeditionen auch immer einen Eingriff in das Ökosystem von dort lebenden Lebewesen dar. Sehen Sie hier ein Problem?

Dafür gibt es das Umweltbundesamt, das jede geplante Expedition in die Antarktis vorab prüft und genehmigt. Wir legen vorher auch genau fest, an wie vielen Stellen wir Proben entnehmen wollen und das ist nie ein wirklich großer Eingriff, denn wir reden hier von 36 Röhren, die jeweils einen Durchmesser von zehn Zentimetern haben und Sedimente aus dem Meeresboden entnehmen. Belastender sind dann eher Netze, die über den Meeresgrund geschleppt werden, jedoch sind auch diese nicht so groß wie in der kommerziellen Fischerei. Es gibt aber immer ein Genehmigungsverfahren. Alles was während der Expedition an Müll produziert wird, wird natürlich auch wieder mit nachhause genommen, dazu sind die Schiffe in der Antarktis auch verpflichtet. Den Eingriff in das Ökosystem sehe ich eher bei den Abgasen, die durch große Forschungsschiffe verursacht werden.

War das ein Anreiz für Sie, in die Meeresforschung einzusteigen: die Expeditionen?

Ja, das fing mit einem Praktikum an, bei dem ich Krebstiere untersucht habe. Die fand ich sehr interessant und aufregend. Als ich mich bei meiner Doktorandenstelle vorstellte, sagte der Professor zu mir: „Wir hätten da was für Sie, es gibt aber zwei Nachteile: erstens die Tiere sind sehr klein, und zweitens Sie müssen dafür in die Antarktis.“ Um in die Antarktis zu kommen, hätte ich sogar Bakterien untersucht. Für mich war der größte Reiz an Expedition immer, an Material zu arbeiten, das ich selbst gesammelt habe. Natürlich möchte ich auch, weil ich nicht nur sammlungsbasiert arbeite, sondern auch ökologisch interessiert bin, selbst sehen wo die Tiere leben und was sie dort tun. So kann ich selbst bestimmen, welche Umweltparameter ich in meiner Studie berücksichtige. Ich freue mich aber auch, wenn ich vorsortierte Proben aus Expeditionen bekomme, an denen ich nicht teilgenommen habe. Das Aussortieren von Proben aus der Meiofauna dauert nämlich unglaublich lange, da es sich um Tiere handelt, die kleiner als einen Millimeter sind.

Gritta Veit-Köhler
Der Polarstern am Ronne-Eisschelf während der Expedition PS 96

Das hört sich nach einer Aufgabe für Generationen von Forscher*innen an: Auf dem Tiefseeboden nach Tieren suchen, die kleiner als einen Millimeter groß sind! Wie unendlich ist denn die Aufgabe der Artenbestimmung innerhalb der Meiofauna?

Es gibt verschiedenste Berechnungen für die Tiefsee. Es wird geschätzt, dass bis zu eine Million Arten noch unentdeckt sein könnten. Diese Schätzungen sind aber nicht sehr zuverlässig, da das Meer 75 Prozent der Erde bedeckt und 80 Prozent davon die Tiefsee einnimmt, von der wir nur ganz wenig untersucht haben. Die Tiefsee ist eben unheimlich divers. Bei Nematoden, also Fadenwürmern, lässt sich mutmaßen, wie hoch die Zahl der unentdeckten Arten ist, indem man untersucht, wie viele wir schon kennen und wie viele Arten in Proben unbekannt sind aber eine Zahl festzulegen ist unmöglich. Und das ist auch das Problem, weil die ursprüngliche Art und Weise der Artenbeschreibung sehr aufwändig ist. Dafür müssen verschiedene Körperteile des Tieres unter dem Mikroskop untersucht und gezeichnet werden. Für die Beschreibung ist die Zeichnung unersetzlich, aber auch sehr langwierig. Für eine neue Art der Ruderfußkrebse müssen ganze fünf Tafeln gezeichnet werden. Das geschieht aber auch mithilfe der Genetik, denn Taxonomie findet heutzutage nicht mehr ohne Genetik statt. Es ist nämlich sehr viel einfacher Unterschiede zwischen Arten zu finden, wenn man zusätzlich zu der äußeren Erscheinung des Tieres auch noch Gensequenzen untersuchen kann.

Wie wichtig ist die Meiofauna für unser Ökosystem? Welche Funktion hat sie?

Sie müssen nur einmal in den Garten gehen und ein bisschen Gartenerde oder Kompost unter das Mikroskop legen, um zu sehen was darin alles lebt und herumwimmelt. Diese kleinen Tierchen sind dafür zuständig totes organisches Material zu zersetzen. Daran sind auch Bakterien und Pilze beteiligt. Nicht anders ist es mit dem Meeresboden. Dieser Prozess nennt sich Remineralisierung. Die Meiofauna lebt also beispielsweise von Mikroalgen, die von einer Algenblüte an der Oberfläche stammen, aber auch von toten Tieren oder Fäkalien von Krill und Planktonkrebsen. Diese werden durch die Meiofauna zersetzt und es wird Sauerstoff verbraucht. Die Nährstoffe und Mineralien, die dort enthalten sind, werden in das Ökosystem zurückgeführt. Das führt dann dazu, dass das Phytoplankton an der Oberfläche des Meeres, das für die Produktion eines Großteils des Sauerstoffs in der Atmosphäre verantwortlich ist, wieder blühen kann. In der Antarktis ist dieser Prozess besonders interessant zu beobachten, weil an vielen Orten durch die Meereisbedeckung keine Algenblüten an den Meeresboden gelangen. Da warten die Tierchen auch mal drei Jahre auf neue Nahrung. Es gibt aber auch Orte, wo das Meereis jeden Frühling aufreißt, und dort tobt dann das pure Leben an kleinen und großen Tieren. Gemeinsam mit Kolleg*innen ist eine meiner Aufgaben, zu untersuchen wie hoch die Remineralisierungsraten und der Sauerstoffverbrauch in der Antarktis an Orten mit unterschiedlicher Eisbedeckung ist.

 

Gritta Veit-Köhler
Ruderfußkrebse (Copepoda) sind kleiner als 1 Milimeter

Wieso ist die Aufgabe der Artenbeschreibung so wichtig?

Viele Menschen denken, dass die Taxonomie, also die Beschreibung von Arten, etwas Antiquiertes ist, das Forscher*innen im stillen Kämmerlein machen, weil sie Spaß daran haben. Ohne aber die Beschreibung von Arten und ohne die Sammlungen in den Museen wüssten wir gar nicht, welche Arten es gibt, und wüssten also später auch nicht, wie viele verloren gegangen sind. Viele Arten verschwinden, ohne jemals entdeckt worden zu sein und damit verschwinden natürlich auch ihre Möglichkeiten. Wenn ich überlege, dass im brasilianischen Regenwald so viele Medikamente schlummern, so viele Naturheilstoffe aus Pflanzen gewonnen werden könnten, die man dann synthetisch weiterentwickeln könnte, und dort aber alles abgeholzt wird, macht mich das sehr traurig. Allgemein ist es einfach wichtig zu wissen wo und welche Arten existieren, um dann feststellen zu können, ob unser Eingriff schadet oder nicht. Deswegen ist es besonders in der Meeresforschung wichtig die Diversitätsforschung weiter zu betreiben, da wir sonst überhaupt nicht verstehen können was die vollständige Funktion des Meeresbodens ist und was passiert, wenn sich die Klimabedingungen an der Oberfläche ändern. Die Auswirkungen davon auf das Gesamtsystem sind nämlich noch völlig unverstanden.

Wie blicken Sie in die Zukunft? Ist die Herausforderung der Klimakrise noch zu überwältigen?

Wenn wir nicht sehr bald schon große Anstrengungen unternehmen, denke ich nicht, dass der Klimawandel noch umkehrbar ist. Die bestehenden Temperaturziele sind nur effektiv, wenn sich auch alle Länder darum bemühen sie zu erreichen und das sehe ich leider nicht. Andererseits stellt sich die Frage, ob wir uns nicht sowieso vielmehr mit den Folgen des Klimawandels beschäftigen müssten. Das letzte Jahr der Corona Pandemie tat der Umwelt sehr gut, glaube ich, und das nicht nur aufgrund der Reduktion des Flug- und Autoverkehrs. Tiere und Pflanzen haben Gebiete wiedererobert, die sonst vom Menschen komplett bevölkert sind. Ich habe von Freunden in Peru gehört, dass der Strand plötzlich voller Meeresvögel war, die sie vorher noch nie dort gesehen haben. Wo haben sich diese Tiere versteckt? Plötzlich waren sie da und haben wieder normal gelebt. Vielleicht hat uns die Pandemie auch gelehrt ein bisschen respektvoller mit der Natur umzugehen. Ich reise natürlich auch unheimlich gerne, aber habe inzwischen gelernt meinen Garten und meine direkte Umgebung mehr zu schätzen.

Gritta Veit-Köhler
Ein Tafeleisberg in der Antarktis umgeben von Meereis und zwei Pinguine

Dieses Jahr beginnt die UN-Ozean Dekade mit dem Ziel das Wissen über den Ozean und seine zentrale Rolle für unsere Erde stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Was sind Ihre persönlichen Ziele für die nächsten Jahre?

Die Meeresforschung sehe ich eher als Gruppenleistung. Jeder einzelne betreibt seine Arbeit und Forschung, die dazu beiträgt. Das wichtige ist, dass es dann Menschen gibt, die diese Arbeit bündeln und an Entscheidungsträger*innen der Politik weitergeben können. Ich persönlich leiste meinen Beitrag durch meine Forschung und durch Öffentlichkeitsarbeit in Form von Vorträgen auf verschiedensten Veranstaltungen. Mir ist es besonders wichtig, meine Inhalte so vorzutragen, dass sie auch Menschen verstehen, die kein Vorwissen über Naturwissenschaft haben. Natürlich handelt es sich oftmals um sehr komplexe Inhalte, jedoch kann man selbst den Bereich der Genetik vereinfacht und verständlich erklären. Mir geht es nicht darum Menschen zu beeindrucken, ich möchte vielmehr, dass sie aus meinen Vorträgen etwas lernen und mit nachhause nehmen. Nebenbei schreibe ich gerade auch zwei Artikel über die Antarktisforschung für die deutsche Fachzeitschrift „Biologie in unserer Zeit“, welche hauptsächlich von Schülern, Studenten und Lehrern gelesen wird. Zuletzt ist mir noch wichtig weiterhin die Ausbildung von Studenten zu unterstützen, da ich selbst die Erfahrung machen musste, wie schwierig sich das Studium ohne eine intensive Betreuung gestaltet. Deswegen nehme ich generell immer Studenten mit auf Expeditionen oder internationale Konferenzen. Ich möchte, dass sie zumindest im Anfangsstudium des wissenschaftlichen Arbeitens gut betreut werden. Hier sehe ich meine Aufgaben für die nächsten Jahre.

Zur Person

Dr. Gritta Veit-Köhler ist seit 2002 Fachgebietsleiterin für „Ökologische Biodiversitätsforschung“ am Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung (DZMB) bei Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Ökologie der Meiofauna und die Taxonomie von bodenlebenden Ruderfußkrebsen. Gemeinsam mit ihren Student*Innen erforscht sie Polargebiete, die Tiefsee und strandnahe Lebensräume.