#Senckenbergliebling


#2 vom 14. Juli 2020

Eberhard Schaubs #Senckenbergliebling ist der Riesenhirsch. Mit dem Tier verbindet der Frankfurter eine ganz persönliche Geschichte:

„An meinen ersten Besuch im Senckenberg Museum kann ich mich nur noch insofern erinnern, dass mich als kleiner Bub manches interessiert hat, was es dort zu sehen gab, vor allen Dingen natürlich die Anakonda mit dem halb verschlungenen Wasserschwein! Aber darum geht es jetzt nicht.

Es muss im Jahr 1947 oder 1948 gewesen sein, unser Einfamilienhaus im Fuchshohl war 1944 durch eine Luftmine zerstört worden. Mein Vater nutzte sofort nach Kriegsende alle Möglichkeiten, um mit dem Wiederaufbau „in Familien-Selbsthilfe“ zu beginnen. Er hatte die Baugenehmigung Nr. 1 in Frankfurt nach dem Kriege! Meine beiden Schwestern und ich hatten dabei mitzuwirken, insbesondere einen alten Maurer zu unterstützen, der unser einziger Helfer war.

Eines Tages wurde an unserer Baustelle von einem LKW Sand abgeladen und ich hatte die Aufgabe, aus Sand und Karbidschlamm (ein anderes Bindemittel gab es damals nicht) Maurerspeis zu mischen und zu unserem Helfer hinzutragen. Beim Sandschaufeln entdeckte ich etwas, das wie ein Knochen mit Gelenksansatz aussah. Ein Knochen im Sand, das musste doch etwas Älteres sein. So beschloss ich, nach Abschluss meiner Arbeit mit dem Fahrrad und meinem Fundstück zum Senckenberg Museum zu radeln und es dort vorzustellen.

Der Pförtner vermittelte mich an einen fachkundigen Herrn, der sich den Knochen ansah und als Fußknochen eines Riesenhirsches identifizierte, der schon vor langer, langer Zeit ausgestorben sei. Seine Frage nach der Sandgrube, aus der mein Fund stamme, konnte ich nicht beantworten. Ich übergab ihm den Knochen (er müsste noch heute in der Sammlung sein) und nutzte die Gelegenheit, ohne Eintrittsgeld bezahlt zu haben, mich im Museum ausgiebig umzusehen.

Bis heute bin ich (85) ein ziemlich regelmäßiger Besucher des Museums geblieben, insbesondere, wenn es etwas Neues zu sehen gab und gibt. Übrigens: Alte Knochen brauche ich jetzt nicht mehr, um das Museum besuchen zu können, eine Jahreskarte tut es seit vielen Jahren auch!“

Herzlichen Dank, Herr Schaub, dass Sie das mit uns geteilt haben!

Natürlich haben wir gleich bei der Abteilung Paläontologie und Historische Geologie nachgefragt, doch Gunnar Riedel (Technischer Assistent Palynologie und Mikrovertebrata des Paläozoikums) teilte uns mit, dass der Fußknochen leider nicht mehr in der Sammlung zu finden ist.

Der aktuell im Senckenberg Museum ausgestellte Riesenhirsch kommt vom Irischen National Museum in Dublin und wurde 1909 das erste Mal im 1. Lichthof aufgestellt; heute ist er im 1. Obergeschoss bei den „Riesen und Zwergen“ zu finden.

Dr. Thomas Lehmann (Sektionsleiter Paläomammalogie) konnte uns sowohl mit Fakten als auch mit ein paar Mythen zum Megaloceros gigantus versorgen. Wie es der Zufall wollte, kam der Riesenhirsch nämlich in einem der ersten Bücher über Evolutionstheorie vor, die Lehmann gelesen hat [1]:

„In seinem typischen Schreibstil, der Detektivarbeit, Kunst, Sport und Wissenschaft verbindet, stellt der Autor vorherrschende Theorien in Frage. Nein, diese Tiere sind weder ausgestorben, weil die Männchen mit ihren großen Geweihen auf der Flucht zwischen den Bäumen immer hängen blieben, noch weil ihre Geweihe so schwer wurden, dass sie im Schlamm stecken blieben oder gar in Seen ertranken.

Zum einen waren die Geweihe des Riesenhirsches nicht überdimensioniert, sondern wuchsen, wie bei modernen Hirschen, etwas schneller als der Körper (positive Wachstumsallometrie) und dienten dazu, ritualisierte Kämpfe unter Männchen auszutragen. Zum anderen lebten die Riesenhirsche in Tundras oder offenen Steppengebieten, wo sie sich von Gras ernährten.

Wie viele Arten der eiszeitlichen Megafauna, starben die Riesenhirsche nach der letzten Kaltzeit (vor ca. 10.600 Jahren; „quartäre Aussterbewelle“) langsam aus (die jüngsten Fossile sind ca. 5.000 Jahre alt). Die Hauptursachen dafür waren sicher eine Kombination von menschlichen Einflüssen (Jagd) und Klima- bzw. Vegetationsveränderungen.“

[1] Gould, Stephen Jay (1984): Darwin nach Darwin. Naturgeschichtliche Reflexionen. Frankfurt am Main 1984 (Ullstein-Materialien Band 35207).

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#1 vom 7. Juli 2020

Ist von einem Dodo die Rede, denken manche vielleicht zuerst an das tragische Schicksal des Taubenvogels, der knapp einhundert Jahre nach seiner Entdeckung schon wieder ausgestorben war. Oder es kommt einem das seltsame Caucus-Rennen ohne Regeln aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ in den Sinn, bei dem der Dodo als Schiedsrichter fungiert. Für Eckard Dietrich ist er keine schwache oder komische Kreatur, er ist sein #Senckenbergliebling!

 

„Mein Liebling im Senckenberg-Naturmuseum ist der Dodo (Raphus cucullatus), dieser bezaubernde, flugunfähige Vogel, der bereits um 1690 ausgestorben ist. Der Mensch hat ihn in seinem Lebensraum ausgerottet, indirekt durch eingeschleppte Ratten und ausgewilderte Haustiere, die die Gelege der bodenbrütenden Vögel zerstörten.

Zunächst habe ich den Dodo im Senckenberg-Wissenschaftsmagazin 149, 07-09 2019, wiedergefunden, durch den exzellenten Beitrag von Hildegard Enting. Dieser Bericht gibt die kompetenten und leidenschaftlichen Arbeiten zur Lebendrekonstruktion eines Dodos wieder. Chapeau!

Der Dodo lebte vor allem auf Mauritius im Indischen Ozean. Aber es gab ihn auch auf der kleineren Nachbarinsel Ile de la Réunion. Dort hatte ich ihn, auf etwas kuriose Weise, wiedergefunden: Die große Brauerei auf Réunion nennt ihr Bier Dodo. Der Dodo ist auf dem Etikett der Flaschen abgebildet. Die Kneipen, die das Bier ausschenken, werben mit dem Schild: „La Dodo lé la“. Wenn man ein Bier bestellt, sagt man: Bitte ein Dodo.

Aber durch Zufall ist mir vor einigen Jahren Dodo auch im National History Museum in London begegnet als Dodo-Skelett und Rekonstruktion. Ich erinnere mich auch an eine Zeichnung vom Réunion-Dodo angeblich von Peter Holsteyn II, 1638, ausgestellt im Naturalis in Leiden, NL.

Jetzt bin ich glücklich, dass ich meinen Liebling Dodo als beeindruckende Lebendrekonstruktion im Vogelsaal unseres Senckenberg-Naturmuseums wieder erleben und bewundern kann.“

 

Ganz herzlichen Dank, Herr Dietrich, für Ihre Geschichte!

Wir haben Hildegard Enting gefragt, was der Dodo für sie bedeutet. Die zoologische Präparatorin hat sich intensiv mit Berichten und Forschungsartikeln rund um das Tier auseinandergesetzt und ist so auf das ein oder andere persönliche Schicksal gestoßen: In den Logbüchern der Gelderland, ein Schiff aus der Holländischen Flotte von 1601 bis 1603, finden sich neben Darstellungen des Dodos auch Zeichnungen von anderen Tieren, Landschaften, Keramiken und sogar die eines winkenden, nackten Seemanns. Wie sie Jahre später herausfand, handelte es sich um einen französischen Schiffsbrüchigen namens Francois, der bereits vor Monaten auf Mauritius gestrandet war. Die Gelderland nahm ihn mit nach Ostindien, wo er aber wohl an einer tropischen Krankheit starb.

Enting ist fasziniert, wie aus der neutralen Darstellung eines Seemanns plötzlich ein Mensch aus Fleisch und Blut wird; und das nur dank des Dodos: „Der Dodo hat für mich eine Sogwirkung in die vielen Geschichten, die sich um diesen speziellen Vogel ranken. Das macht für mich den Dodo aus.“

Übrigens: Bis Anfang 2019 gab es im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt nur ein Skelett von einem Dodo. Die beiden Pat*innen dieses Skeletts sind große Dodo-Fans und boten 2015 an, die Erstellung eines Modells zu finanzieren – und das steht seit Februar 2019 im Museum im 1. Obergeschoss am Zugang zum Vogelsaal.

Noch mehr Informationen zum „Senckenberg-Dodo“ finden Sie in unserem Magazin „Natur.Forschung.Museum“, Heft 7-9 2019.

 

Dodo (Raphus cucullatus)