ROCEEH


Die von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften getragene Forschungsstelle „The Role of Culture in Early Expansions of Humans (ROCEEH)“ erforscht die Rolle der Kultur in frühen Expansionen der Menschheit. Das Projekt umfasst den Zeitraum zwischen drei Millionen und 20.000 Jahre vor heute und deckt den gesamten geographischen Raum von Afrika und Eurasien ab.

Die menschliche Entwicklung ist eine Geschichte von Expansionen: Von Afrika ausgehend breitete sich die Gattung Homo in den letzten 2 Millionen Jahren in verschiedenen Wanderungswellen nach Asien und Europa aus; neue Arten entstanden, alte Taxa starben aus (range expansions). Vor mehr als drei Millionen Jahren beschritten Homininen neue, kulturelle Wege im Umgang mit ihrer spezifischen Umwelt. Schneidende Steingeräte, die mithilfe anderer Werkzeuge hergestellt wurden, eröffneten den Zugang zu neuen Ressourcen und stießen körperliche, geistige und Verhaltensänderungen an (expansion of performances). Der Ecospace der Menschenartigen und ihre spezifischen, das Überleben und Entwicklung ermöglichenden Ressourcenräume wandelten sich aufgrund natürlicher Prozesse, aber auch durch Veränderungen in der Verbreitung der Arten und ihres zunehmend kulturell geprägten Verhaltens (expansions of resource space).

Das Projekt hat die Entwicklung eines systemischen Verständnisses der Menschwerdung zum Ziel, das die unterschiedlichen Formen von Expansionen und die Wechselwirkungen zwischen ihnen integriert. Es umfasst den Zeitraum zwischen drei Millionen und 20.000 Jahre vor heute und deckt den gesamten geographischen Raum von Afrika und Eurasien ab. Besonderes Augenmerk liegt auf der Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten zu kulturellem Handeln, deren Hintergründen und tatsächlichen Ausprägungen. Herzstück des Projektes ist die interdisziplinäre und webgestützte Datenbank ROAD (ROCEEH Out of Africa Database) mit GIS-Funktionen. ROAD vereinigt geographische Daten zu Fundstellen mit Informationen zur stratigraphischen Gliederung von Fundschichten und zur Archäologie. Darüber hinaus werden Informationen zur menschlichen Fossilgeschichte und zu Klima, Vegetation und Tierwelt für die Modellierung früherer Lebensräume erhoben. Sammlungsarbeiten sowie archäologische Ausgrabungen und umweltgeschichtliche Feldforschungen in Afrika, Asien und Europa ergänzen die Datenbank. Die Ergebnisse finden Eingang in einen digitalen Atlas der Mensch-Umwelt-Entwicklung auf der Basis Geographischer Informationssysteme (GIS).

Diese seit 2008 arbeitende und auf 20 Jahre projektierte Forschungsstelle ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt an der Schnittstelle zwischen Kultur- und Naturwissenschaften. Die international weit verzweigten wissenschaftlichen Arbeiten werden übergreifend von einem Team aus Archäologen, Paläoanthropologen, Paläobiologen, Geographen und Datenbankspezialisten an den beiden Arbeitsstellen am Forschungsinstitut Senckenberg und an der Eberhard Karls Universität Tübingen durchgeführt.