Die Springschabe vom Tafelberg


Schaben haben nicht gerade das beste Image, was vor allem an der großen Bekanntheit der Küchenschabe liegt. Dabei zählen tatsächlich nur etwa ein Dutzend der gut 4000 wissenschaftlich erfassten Schabenarten zu den so genannten „Kulturfolgern“. Die meisten Arten leben vielmehr in der Laubstreu tropischer Wälder, in Baumstämmen oder in Höhlen, in kleinen Gewässern, Sandwüsten, oder als Kommensalen („Mitesser“) in Ameisennestern.

Manche Schaben besitzen Leuchtorgane, andere können sich igelartig einrollen. Gemeinsamkeiten in Körperbau und Gensequenzen zeigen, dass die Gottesanbeterinnen den Schaben nächstverwandt sind. Gottesanbeterinnen sind quasi „Raubschaben“. In den letzten Jahren wurde nachgewiesen, dass auch die staatenbildenden Termiten zu den Schaben gehören. Die Schabenverwandtschaft zeigt also eine erstaunliche Vielfalt an Lebensweisen und Anpassungen.

 

 

Springen ist „neu“ bei Schaben

Auf einer Exkursion auf den Tafelberg von Kapstadt (Südafrika) haben Dr. Mike Picker und Dr. Jonathan Colville von der Universität Kapstadt bereits im Jahr 2006 kleine springende Schaben entdeckt. Von den Schaben war diese Form der Mobilität bisher noch nicht bekannt. Die Tiere waren etwas über 1 cm lang, ihre Flügel auf kleine Stummel reduziert. Dr. Picker, ein Experte für Insektenökologie im südlichen Afrika, hat eine
langjährige Forschungskooperation mit dem Autoren. Prof. Horst Bohn von der Zoologischen Staatssammlung in München wurde wegen seiner umfassenden taxonomischen Kenntnisse ebenfalls „ins Boot“ geholt. Damit war ein Team aufgestellt, das fortan die verschiedensten
Aspekte dieser neuen Schabenart studierte.

Eine Untersuchung der komplexen männlichen Genitalorgane bei der Springschabe zeigte, dass sie in die Untergruppe Blaberoidea gehört. Diese Zuordnung wurde in Zusammenarbeit mit Marie Djernæs (The Natural History Museum, London) über die Analyse von Gensequenzen bestätigt. Aus dieser Stellung im System der Schaben ergibt sich, dass die springende Fortbewegung der neu entdeckten Art ein recht junges Produkt der Schabenevolution ist – vermutlich ist sie im Lauf des mittleren Tertiärs entstanden. Das Kniegelenk des Sprungbeins erinnert an die Sprunganpassungen bei Heuschrecken. Dies zeigt, dass in unterschiedlichen Insektengruppen immer wieder ähnliche morphologische Lösungen umgesetzt werden, wenn es darum geht, sich eine neue Lebensweise anzueignen. 

Eine der interessantesten Neubeschreibungen 2010

Während schon die Entdeckung der Springschabe an sich eine wissenschaftliche Sensation war, war der Umstand, dass sie am insektenkundlich recht gut erforschten Tafelberg gefunden wurde, besonders überraschend. Anfang 2010 wurde die Springschabe schließlich unter dem Namen Saltoblattella montistabularis der Fachwelt vorgestellt (in der Senckenbergischen Publikationsreihe „Arthropod Systematics & Phylogeny“, Band 68, Heft 1). 2011 wurde sie zu einer der zehn interessantesten Neubeschreibungen aus der gesamten Organismenwelt gekürt, die im Vorjahr erschienen waren.

Autor

Dr.  Klaus-Dieter Klass
von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden war bereits im Jahr 2002 federführend bei der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Sensation. Damals war es die Entdeckung einer neuen Insektenordnung, der Mantophasmatodea (Fersenläufer, Gladiatoren), die im Forschungsmagazin „Science“ (Heft 297) veröffentlicht wurde und dann weltweit in den Medien präsent war. Auch diese Tiere sind vorwiegend im südlichen Afrika verbreitet. Seitdem ist neben der Morphologie der Schaben und anderer Insekten die Diversität der Mantophasmatodea eines der Hauptarbeitsgebiete von Dr. Klass.

Editor-in-chief: Arthropod Systematics & Phylogeny
Member of Editorial Board: European Journal of Entomology
Member of Editorial Board: Insect Systematics & Evolution

Publications by K.-D. Klass before 2002

• Klass K.-D. (2001): Morphological evidence on blattarian phylogeny: “phylogenetic histories and stories” (Insecta, Dictyoptera). Deutsche Entomologische Zeitschrift 48: 223–265.
• Klass K.-D. (2001): The female abdomen of the viviparous earwig Hemimerus vosseleri (Insecta: Dermaptera: Hemimeridae), with a discussion of the postgenital abdomen of Insecta. Zoological Journal of the Linnean Society 131: 251–307.
• Klass K.-D. & Kristensen N.P. (2001): The ground plan and affinities of hexapods: recent progress and open problems. In: Deuve T. (ed.), Origin of the Hexapoda. Annales de la Société Entomologique de France NS 37: 265–298.
• Klass K.-D. (2000): The male abdomen of the relic termite Mastotermes darwiniensis (Insecta: Isoptera: Mastotermitidae). Zoologischer Anzeiger 239: 231–262.
• Klass K.-D., Thorne B.L. & Lenz M. (2000): The male postabdomen of Stolotermes: termites with unusually well-developed external genitalia (Dictyoptera: Isoptera: Stolotermitinae). Acta Zoologica (Stockholm) 81: 121–130.
• Klass K.-D. (1999): The pregenital abdomen of a mantid and a cockroach: musculature and nerve topography, with comparative remarks on other Neoptera (Insecta: Dictyoptera). Deutsche Entomologische Zeitschrift 46: 3–42.
• Klass K.-D. (1998): The ovipositor of Dictyoptera (Insecta): Homology and ground-plan of the main elements. Zoologischer Anzeiger 236: 69–101.
• Klass K.-D. (1998): The proventriculus of the Dicondylia, with comments on evolution and phylogeny in Dictyoptera and Odonata (Insecta). Zoologischer Anzeiger 237: 15–42.
• Klass K.-D. (1998): Possible homologies in the proventriculi of Dicondylia (Hexapoda) and Malacostraca (Crustacea). Zoologischer Anzeiger 237: 43–58.
• Klass K.-D. (1997): The external male genitalia and the phylogeny of Blattaria and Mantodea. Bonner Zoologische Monographien 42: 1–341.
• Klass K.-D. (1995): Die Phylogenie der Dictyoptera. Diss. Univ. München. Cuvillier, Göttingen. 400 pp.