Citizen Science Hochstadt
Der Arbeitskreis Insekten unterwegs in Hochstadt.

„Viele schaffen gemeinsam mehr als einzelne“

Interview mit Marilena Hoff, Referentin Wissenschaft und Gesellschaft bei Senckenberg


Feldhamster, bolivianische Jaguare oder gestresste Stadtbäume in Frankfurt – die Bandbreite der Projekte, bei denen sich Bürgerinnen und Bürger in die wissenschaftliche Forschung bei Senckenberg einbringen können, ist groß. Seit 2021 betreut Marilena Hoff das Netzwerk „Gemeinsam Forschen“, das die verschiedenen Citizen Science-Projekte bündelt und engagierte Bürger*innen mit Wissenschaftler*innen zusammenbringt. Wir haben mit ihr über die Vielfalt der Projekte und deren großes Potenzial für Wissenschaft, Gesellschaft und den Artenschutz gesprochen.

Frau Hoff, Sie sind Ansprechpartnerin des Netzwerks „Gemeinsam Forschen“ bei Senckenberg – was genau verbirgt sich dahinter?

Bei Gemeinsam Forschen geht es um bürgerschaftliches Engagement innerhalb der Forschung und das wird bei Senckenberg seit jeher großgeschrieben. In 26 verschiedenen Citizen Science-Projekten arbeiten Wissenschaftler- und fast 8.000 Bürger*innen gemeinsam an der Beantwortung naturwissenschaftlicher Fragestellungen, und nur durch die vielen zusätzlichen Hände und Köpfe wird eine flächendeckende Datenerhebung und -auswertung erst möglich. Einige der Projekte sind über die Jahre enorm gewachsen und manche Ehrenamtliche sind im Laufe der Zeit selbst zu Expert*innen geworden. Damit diese Expertise sowie die gesammelten Erfahrungen auch anderen Vorhaben zugutekommen können, wurde 2021 das Netzwerk „Gemeinsam Forschen“ gegründet. Hier treffen Citizen Science- und Ehrenamtsprojekte, Mitmach-Aktionen und Ressourcen zum selbst Aktivwerden aufeinander. Im Mittelpunkt von „Gemeinsam Forschen“ steht der Austausch zwischen allen Beteiligten.

Citizen Science Stadtbaum
Mit speziellen Messgeräten überprüfen die Citizen Scientists den Zustand eines Stadtbaums.

Was für Citizen Science-Projekte gibt es bei der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung? (Und wie viele Leute machen mit?)

Die Citizen Science-Projekte Senckenbergs sind so vielseitig wie die Tier- und Pflanzenarten, die sie erforschen. Wer sich für Insekten interessiert, findet zum Beispiel in Sachsen eine Auswahl an Projekten zur Förderung der Sechsbeiner und kann sich den dort über 3.000 Citizen Scientists und damit einer riesigen Gemeinschaft anschließen. Zur Arbeit der Citizen Scientists gehören das Dokumentieren von Insekten durch Foto- und Tonaufnahmen und die Pflege von speziellen Insektenwiesen durch eine angepasste Mahd. Wer gefiederte oder fellige Tiere lieber mag, kann sich in Hessen mit der Erforschung von den nur noch selten zu beobachtenden Kleinspechten und Feldhamstern befassen und gemeinsam mit anderen Citizen Scientists auf die Suche nach ihren Bruthöhlen und Hamsterbauen gehen, um die Bestände beider bedrohten Arten zu erfassen. Wer nicht lange suchen möchte, kann beim Monitoring von Stadtbäumen in Frankfurt unterstützen. Diese leiden gerade in den Sommermonaten sehr unter Hitze und Trockenheit und sind dann im wahrsten Sinne des Wortes „gestresst“. Mit speziellen Messgeräten dokumentieren die Citizen Scientists in diesem Projekt den Zustand „ihrer“ Bäume über Monate hinweg, um so Daten für eine effizientere Bewässerung und Pflege der gefährdeten Bäume zu erhalten.
Doch auch von zu Hause aus kann man die Naturforschung unterstützen: Im WildLIVE!-Projekt besteht die Aufgabe der Citizen Scientists beispielsweise darin, Filmmaterial von Kamerafallen, die im bolivianischen Dschungel stehen, am eigenen Computer zu sichten und das Auftauchen von Jaguar, Pekari, Tapir und Co. zu dokumentieren. Aber auch im heimischen Garten oder bei Spaziergängen können mit Hilfe von Apps Bodentiere wie Asseln oder Hundertfüßer oder auch Schmetterlinge für die Forschung erfasst werden.

Citizen Science AK Insekten
Im Arbeitskreis Insekten befassen sich Bürger*innen und Wissenschaftler*innen gemeinsam mit verschiedenen Insektengruppen auch abseits von konkreten Projekten. Hier geht es darum die Insekten, ihre Merkmale und Lebensweise näher kennenzulernen. Auch im Winter kann man schon Insekten beobachten, man muss nur wissen, wo sie sich aufhalten: unter der Borke einer Platane tummeln sich Bodenwanzen.

Was kann man mit Citizen Science-Projekten erreichen – für die Wissenschaft und für die Gesellschaft? Gibt es besondere Erfolgsstorys?

Viele schaffen gemeinsam mehr als einzelne.
Durch Citizen Science-Projekte können größere Stichproben erhoben und ausgewertet, längere Zeiträume abgedeckt und mit dem Einsatz vieler kann insgesamt großflächiger gearbeitet werden, was die Aussagekraft wissenschaftlicher Projekte erhöht. Dass das Engagement von Citizen Scientist einen großen Einfluss auf die Forschung haben kann, steht spätestens seit der Krefelder Studie fest. Hier wurde im Jahr 2017 die jahrelange Arbeit von ehrenamtlichen Insektenkundlern veröffentlicht, die ganz klar zeigen konnte, dass die Biomasse von Fluginsekten zwischen 1989 und 2016 um 76% abnahm – ein drastischer Artenrückgang, der durch die Studie auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Citizen Science hat jedoch nicht nur einen Mehrwert für die Wissenschaft, sondern auch für die Gesellschaft, die die Forschung durch solche offenen Konzepte miterleben und sogar mitgestalten kann. Das generiert nicht nur mehr Vertrauen auf Seiten der Bürger*innen, sondern auch das Potenzial für gesellschaftliche Transformation zum Beispiel in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Und nicht zuletzt können alle, die an wissenschaftlichen Projekten mitarbeiten, ihre eigenen Perspektiven einfließen lassen und wiederum neue Erfahrungen und Kenntnisse für sich selbst mitnehmen – ein Austausch, der beide Seite voranbringt.

Kann bei einem Citizen Science-Projekt jeder mitmachen? Oder braucht es irgendwelche Vorkenntnisse?

Im Grunde kann jede*r interessierte Erwachsene mitmachen, denn für die Teilnahme an einem Citizen Science-Projekt sind keine speziellen Vorkenntnisse notwendig. Bevor es losgeht, führen die betreuenden Wissenschaftler*innen ihre Citizen Scientists in den jeweiligen Forschungsablauf ein und erklären Messgeräte und -methoden. Für manche Projekte werden auch Personen gesucht, die schon bestimmte Kenntnisse haben – das ist aber eher die Ausnahme. Ansonsten hängen die Teilnahmevoraussetzungen von der Arbeit im Projekt ab: Wer sich für ein Projekt mit Feldarbeit, also dem Erheben von Daten in der Natur, interessiert, sollte körperlich möglichst mobil sein, wer ein Projekt bevorzugt, das mit einer App arbeitet, sollte ein Gerät besitzen, auf dem die App installiert und genutzt werden kann. In manchen Projekten können auch Kinder und Jugendliche teilnehmen, wenn sie von Erwachsenen begleitet werden.

Citizen Science Tapir
Ein Tapir im bolivianischen Dschungel, der von einem Citizen Scientist des WildLIVE!-Projekts im Filmmaterial entdeckt wurde.

Wenn ich mich aktiv für die Forschung Senckenbergs engagieren möchte – was kann ich machen?

Als erste Anlaufstelle für Informationen zu den verschiedenen Projekten und Mitmach-Aktionen dient die Website www.gemeinsamforschen.senckenberg.de. Hier kann man nachlesen, was in den einzelnen Projekten konkret erforscht wird, welche Aufgaben die Citizen Scientists übernehmen und welche Wissenschaftler*innen die jeweiligen Ansprechpartner*innen sind. Nicht in jedem Projekt wird dauerhaft Unterstützung benötigt, denn manchmal wird nur in bestimmten Zeiträumen geforscht oder das Projekt hat bereits genügend Teilnehmer*innen. Für diesen Fall oder auch zum Beschnuppern von Citizen Science kann man an kurzfristigen Citizen Science-Aktionen teilnehmen, denn auch diese unterstützen die Forschung.

 

Zur Person

Marilena Hoff ist Referentin für Wissenschaft & Gesellschaft im Stab Kommunikation. Seit 2021 baut sie das Gemeinsam Forschen-Netzwerk auf, welches engagierte Bürger*innen in Citizen Science-Projekten zusammenzuführen und ein langfristiges Engagement für den Artenschutz stimulieren soll. Das Netzwerk „Gemeinsam Forschen“ schafft hierbei die Rahmenbedingung für einen Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, zwischen den verschiedenen Standorten sowie lokalen Akteuren und Initiativen.