Der Schlüssel zur Geschichte unserer Vorfahren

Interview mit Senckenberg-Archäologe Dr. Jordi Serangeli


Als kleiner Junge spielte er in alten römischen Ruinen Ball mit seinem Bruder, heute leitet Dr. Jordi Serangeli die Grabungen an der Forschungsstation Schöningen. Seit den 1990ern bringen die altsteinzeitlichen Funde immer wieder neue Erkenntnisse über das Leben des Homo heidelbergensis und seine Umwelt vor rund 300.000 Jahren ans Licht. Im Interview erzählt der Senckenberg-Archäologe, was die Fundstätte so einzigartig macht, und was der Fund eines Wurfstocks über die Fähigkeiten unserer Vorfahren erzählen kann.

Herr Serangeli, Sie haben in Mainz und Tübingen Ur- und Frühgeschichte studiert und waren bereits an Grabungen in Spanien, der Türkei, Österreich und Deutschland beteiligt. Wollten Sie schon immer Archäologe werden?

Um diese Frage zu beantworten, müssen Sie wissen, dass ich in Ostia, einem Vorort von Rom, aufgewachsen bin. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich in den Ruinen von Ostia Antica zwischen den alten Säulen Ball mit meinem Bruder Mànuel gespielt habe. Natürlich gehörten in meiner Kindheit auch Schulausflüge zum Colosseum, zum Forum Romanum sowie zu den vielen Museen der italienischen Hauptstadt zum Pflichtprogramm.
Wenn Verwandte aus Spanien kamen – ich bin halb Italiener, halb Katalane – habe ich sie immer sehr gerne durch die Vatikanischen Museen oder die Ewige Stadt geführt.
Ich glaube, wenn man das Glück hat, in Rom aufgewachsen zu sein, dann besitzt man auf ganz natürliche Weise eine besondere Beziehung zur Vergangenheit und zur Archäologie.  

Mittlerweile leiten Sie die Grabungen an der Fundstelle Schöningen.

Ganz genau. Die Fundstelle Schöningen 13 II, wo wir derzeit tätig sind, hat eine Fläche von rund 4.000 Quadratmetern und die archäologischen Schichten besitzen eine Mächtigkeit von über sechs Metern – für eine altsteinzeitliche Grabungsstätte ist das extrem viel. Obwohl uns das Wetter im Winter und Sommer manchmal ganz schön herausfordert, graben wir fast das ganze Jahr durch. 

Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag bei Ihnen aus – beziehungsweise, gibt es so etwas überhaupt?

Hm, eigentlich ist jeder Tag anders (lacht).  Das liegt daran, dass wir in fundleeren Schichten zügig graben, während wir in archäologisch relevanten Schichten das gesamte Sediment in Säcke verpacken – das Material wird dann mit Wasser und einem engmaschigen Sieb geschlämmt. Alles muss genau dokumentiert werden: Einzelne Funde aus Knochen, Stein oder Holz werden schon bei der Ausgrabung abgezeichnet und aufgelistet. Alles wird überprüft und anschließend digital auf dem Computer festgehalten. Wir nehmen auch Bodenproben und erfassen besondere Funde durch Filme oder Fotogrammmetrie. 

Schöningen
Die Ausgrabungsfläche 13 II im Tagebau Schöningen mit den 4 Verlandungsfolgen. 

Was genau macht die Fundstelle Schöningen so besonders?

Dafür sind gleich mehrere Faktoren verantwortlich: 
Zunächst sind die Erhaltungsbedingungen am Ufer dieses Sees einzigartig: Durch das Wasser blieben die Funde in den Sedimenten von Anfang an bis heute immer befeuchtet – und Feuchtigkeit sorgt dafür, dass sich organische Materialien sehr gut erhalten.
Das Wasser ist außerdem kalkhaltig; das liegt daran, dass es von dem Gebirgszug Elm kommt, auf dem sich Muschelkalkablagerungen befinden. Auf diese Weise konnten sogar Eierschalen perfekt erhalten bleiben.
Außerdem sind da noch die Schlammschichten des Sees, die immer wieder die darunter liegenden Schichten bedeckt haben. Dadurch kam kein Sauerstoff mehr in die Fundschichten – und ohne Sauerstoff keine Zersetzung durch Organismen, wodurch die organischen Funde perfekt erhalten blieben.

Was waren bedeutende Funde in der letzten Zeit?

Ende der neunziger Jahre wurden die zehn „Schöninger Speere“ und weitere Holzartefakte entdeckt. Danach wurden der Schädel eines Wasserbüffels, ein kompletter Auerochse, Reste von drei Säbelzahnkatzen, vor kurzem ein vollständiger Waldelefant und ein Wurfstock gefunden.

… ein rund 300.000 Jahre alter Wurfstock. Was macht die hölzerne Waffe zum Sensationsfund?

Einzelne Funde stechen heraus und werden als Sensation wahrgenommen, keine Frage. Angesichts der vielen einmaligen Funde aus Schöningen ist das durchaus berechtigt.
Deutlich wichtiger ist jedoch der Kontext des Funds: Aus der Sicht eines Archäologen ist ein Fund immer ein Schlüssel, um die Geschichte unserer Vorfahren besser zu verstehen – und in Schöningen schlummern noch viele Geschichten.

Nach 300.000 Jahren ans Licht gebracht: 3D-Animation der Fundstätte des Wurfstocks. 

Welche Geschichten erzählt der Wurfstock über unsere Vorfahren?

Die Menschen von damals haben Speere verwendet, um Rinder, Pferde und Hirsche zu jagen. Um aber einen Vogel auf dem Wasser, dem Boden oder im Flug zu treffen, kam ein solcher Wurfstock zum Einsatz. Man wirft ihn, ähnlich wie eine Frisbeescheibe, mit einer rotierenden Bewegung. Diese Waffe ist vergleichbar mit den Wurfstöcken, die noch in historischer Zeit von Naturvölkern in Afrika, Australien oder Amerika für denselben Zweck hergestellt wurden. Das lässt den Rückschluss zu, dass unsere Vorfahren schon damals bei der Herstellung von Waffen über eine ausgeprägte Abstraktionsfähigkeit, Planungstiefe und motorische Geschicklichkeit verfügten. Auch in der Handhabung, also beim eigentlichen Werfen, scheinen ihre Fähigkeiten identisch mit heutigen Menschen zu sein – wenn nicht sogar besser, da sie diese Waffen täglich nutzten.

Sie beschäftigen sich unter anderem mit der Beziehung von Mensch und Umwelt in der vergangenen und heutigen Zeit. Was hat sich in diesem Zusammenhang über die Jahrtausende geändert?

Ich glaube, dass wir bei Senckenberg – egal ob Archäologen, Paläontologen, Biologen, Biochemiker oder Geologen – es gewohnt sind, den Blick in die Vergangenheit zu richten.
Leider trifft das nicht auf alle Menschen zu: In unserer schnelllebigen Welt denken heute zu wenige an das, was einmal war, wie sich die Welt verändert hat – und welchen Einfluss der Mensch darauf hatte. Deswegen begreifen auch nur einzelne, wie dramatisch Probleme wie Biodiversitätsverlust, Klimawandel und Verschmutzung wirklich sind. In meiner Arbeit sehe ich täglich, wie stark unsere Umwelt von der damaligen abweicht, und dass zum Beispiel frühere Ökosysteme deutlich artenreicher waren: In Schöningen gab es rund 20 Großsäuger; darunter Elefanten, Säbelzahntiger, zwei Nashornarten, Löwen, drei Rinderarten und viele mehr. Eine vergleichbare Vielfalt sehen wir heute nur noch in einigen wenigen Regionen Afrikas und Asiens: Diese Geschichte muss erzählt und nach außen transportiert werden. Denn: Wenn wir, als reiche Europäer, schon nichts oder nur sehr wenig unternehmen, um die Umwelt und das Klima zu retten, wie können wir dann erwarten, dass andere es für uns tun? Es ist jetzt höchste Zeit etwas zu ändern, denn bald wird es zu spät sein.  

Zur Person

Jordi Serangeli hat an der Eberhard Karls-Universität Tübingen zu älterer Urgeschichte und Quartärökologie promoviert und leitet seit 2008 die Grabungen an der Fundstelle Schöningen. Der Archäologe koordiniert außerdem die Arbeiten der Senckenberger Forschungsstation Schöningen (als Teil des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment, SHEP).