Frankfurt wagt Wildnis: Wildnis aus zweiter Hand – Sukzessionsflächen am Fuße des Monte Scherbelino

Second-Hand-Natur? Was ist darunter zu verstehen?  Auf der sich im Südosten Frankfurts befindlichen Altdeponie, die von den Frankfurter*innen „Monte Scherbelino“ getauft wurde, kann die Natur nochmal von vorne beginnen. Die Region hat schon einige Veränderungen mitgemacht: Seit 1925 wurde hier allerlei privater sowie Industriemüll abgeladen, nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Trümmer hinzu. 1968 war Schluss damit: Der 48 Meter hohe Hügel wurde abgedeckt und begrünt. Grill eingepackt, Kinder auf den Abenteuerspielplatz – schnell war aus der ehemaligen Mülldeponie ein beliebtes Ausflugsziel gemacht. Bis in den 1980er Jahren aufgedeckt wurde, dass der Monte Scherbelino ausgast und Giftstoffe ans Grundwasser abgibt. Seither ist der Hügel Sperrgebiet. Die Tatsache, dass eine erneute Öffnung des Gebiets zunächst nicht vorgesehen ist, sorgt dafür, dass sich Natur hier zwar mit Altlasten der Menschen herum schlagen muss, anders als beim Nordpark Bonames sonst aber kaum Störungen durch diese erfährt. Dadurch wird einerseits eine Vermüllung vermieden, die beispielsweise in Bonames ein echtes Problem darstellt, und andererseits ein Rückzugsort für störungsempfindliche Arten wie rastende Zugvögel geschaffen.

Für das Stadtnatur-Projekt wurde eine L-förmige Landschaft zwischen dem Deponiekörper und dem Frankfurter Stadtwald ausgewählt. Sie enthält wie ein Mosaik verschiedenste Lebensräume auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche, was auf lange Sicht eine heterogene Entwicklung fördern soll.

Auf den neu angelegten Flächen, auf denen noch keine Arten dominieren, lassen sich folgende Beobachtungen machen: Zu Beginn besiedeln seltene und konkurrenzschwache Pionierarten das Gebiet, es herrscht eine große Artenvielfalt. Nach einer Weile nimmt sie jedoch ab und wenige konkurrenzstarke Arten übernehmen. Würde das Gebiet über einen langen Zeitraum hinweg „verwildern“, würde die Artenvielfalt wieder zunehmen, jedoch mit anderen Organismengruppen: Die anfänglich vorkommenden Gefäßpflanzen, Wildbienen und Heuschrecken würden von Flechten, Pilzen und Käfern abgelöst werden. Eine Frage, die deshalb notwendigerweise aufkommt ist die, „welche Natur“ geschützt werden soll.

Pionierarten, die für eben jene anfängliche Artenvielfalt verantwortlich sind, haben ihren Ursprung in den Tälern großer Flüsse, die ihren Lauf immer wieder verlagert haben. Da Gewässer heutzutage aber größtenteils in feste Bahnen gelenkt werden, entstehen solche neuen Sand- und Kiesbänke nicht mehr, die Arten sind gefährdet. Auf Brachflächen wie dem Monte Scherbelino können sie sich wieder ansiedeln – jedoch nur so lange, bis sie durch andere Arten verdrängt werden. Die Frage, ob diese Flächen künstlich erhalten werden sollen, um gefährdete Arten zu schützen, ist deshalb immer präsent. In unserem Fall hat der in Beitrag 5 vorgestellte Flussregenpfeifer „eine Entscheidung getroffen“: Er bewohnt mittlerweile das ausgewählte Gebiet. Artenschutzrechtliche Bestimmungen geben vor, dass ein Teil der Fläche am Monte Scherbelino zu seinen Gunsten erhalten werden muss.

Es ist zu hoffen, dass auch nach 2021 auf die bis dato vorgesehene Aufforstung des Gebietes verzichtet wird, um das vielfältige Lebensmosaik zu erhalten, das sich in den vergangen Jahren herausgebildet hat.

Mit diesem Beitrag endet der Blog „Stadt braucht Natur“.

Erhältlich im Buchhandel oder direkt über den Verlag:

Indra Starke-Ottich, Georg Zizka

Stadtnatur in Frankfurt – vielfältig, schützenswert, notwendig

2019, 252 Seiten, 198 Abbildungen, 11 Tabellen, umfangreicher Anhang
ISBN 978-3-510-61414-1
19,90 Euro

In diesem Blog stellen wir Woche für Woche ausgewählte Kapitel aus dem neuen Buch Stadtnatur in Frankfurt der Senckenberg-Botaniker*innen und -Zoolog*innen vor.