Batagur Schildkröte Weibchen mit Frau
Die Besitzerin verabschiedet sich von ihrer Schildkröte, die sie fast 20 Jahre als Glücksbringer gehalten hat. Das Tier ist ein altes, sehr
großes Weibchen.

Eine Rettungsinsel für die Batagur-Schildkröte


Die Nördliche Batagur-Schildkröte Batagur baska gehört zu den seltensten Schildkrötenarten der Welt. Genetische Untersuchungen helfen dabei, die Bestände in einer Erhaltungszucht wieder aufzubauen.
 

Vor einigen Jahren untersuchte die Arbeitsgruppe um Professor Uwe Fritz von Senckenberg Dresden zusammen mit dem österreichischen Schildkrötenexperten Dr. Peter Praschag die Verwandtschaftsbeziehungen südasiatischer Wasserschildkröten. Unter den Proben fanden sich auch solche von Batagur-Schildkröten. Diese Flussschildkröte weist eine beeindruckende Größe von bis zu 60 Zentimetern Panzerlänge auf – und sie steht ganz weit oben auf der Roten Liste, gilt als akut vom Aussterben bedroht.

Bislang unbekannte Art im Süden

Die Art Batagur baska sollte – so nahm man damals an – von Ostindien über Bangladesch, Myanmar und Thailand bis Kambodscha verbreitet sein. Allerdings gab es nur für die südlichen Exemplare genetische Daten und man hatte die viel selteneren nördlichen Tiere schon aufgegeben und konzentrierte alle Schutzbemühungen  auf den Süden. Peter Praschag entdeckte in Bangladesh auf lokalen Fleisch- und Fischmärkten einige Batagur-Schildkröten und konnte Proben nach Europa exportieren. Ihm fiel auf, dass sich diese Tiere morphologisch von denen aus den südlichen Gebieten unterschieden. So haben die Männchen einen schwarzen Kopf und Hals und während der Paarungszeit färben sich der untere Hals und die Extremitäten tief rot. Die Männchen aus den südlichen Regionen dagegen haben eine durchgehend schwarze Haut. Die genetischen Untersuchungen in Dresden ergaben, dass die Tiere aus den nördlichen Gebieten die eigentliche Art B. baska sind (Praschag et al. 2009) und die Tiere aus dem Süden zu einer bis dahin nicht anerkannten zweiten Art, B. affinis, gehören. Alle bisher zusammengetragenen Fakten über die Batagur-Schildkröte beziehen sich auf Vertreter der südlichen Art, deshalb ist über die eigentliche Art Batagur baska nicht viel bekannt. Außer, dass sie durch das exzessive Absammeln der Eier, das Zerstören der Niststrände und den Verzehr der Tiere in den letzten 100 Jahren an den Rand des Aussterbens gebracht wurde. Beinahe wäre die nördliche Art „klammheimlich“ verschwunden, weil man dachte, sie wäre mit der südlichen Art identisch, auf deren Schutz man sich konzentrierte.

Zucht zur Erhaltung der Art

Nachdem die nördliche Batagur-Schildkröte als eigene Art erkannt worden war, mussten wegen ihrer akuten Gefährdung schnell Schritte unternommen werden, um sie zu erhalten. Der Tiergarten Schönbrunn und Peter Praschag erwarben 14 Männchen und 6 Weibchen auf lokalen Märkten und von Privatpersonen, die die Tiere in Bangladesch als Glücksbringer in Teichen gehalten hatten. Im Bhawal-Nationalpark nördlich von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, wurde auf Initiative des Tiergarten Schönbrunns die Erhaltungszuchtstation „Project Batagur“ eingerichtet. Am Anfang wurden die Tiere zufällig miteinander verpaart, was zu ersten Zuchterfolgen führte: Im Jahr 2012 schlüpften 24, im Jahr 2013 63 Jungtiere.

Zwar lässt sich die Individuenzahl mit diesem Vorgehen schnell steigern, jedoch ist für längerfristige Zuchtvorhaben die Erhaltung der genetischen Vielfalt das Ziel, und dafür müssen möglichst wenig miteinander verwandte Partner ausgewählt werden. Um die Grundlage hierfür zu schaffen, wurden Blutproben aller Tiere an das Senckenberg-Labor in Dresden gesandt.

Genetischer Fingerabdruck für die Erhaltung der Vielfalt

Anhand genetischer Marker, sogenannter Mikrosatelliten, kann man die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Tieren ermitteln. Die Methode funktioniert ähnlich der des genetischen Fingerabdrucks, die in der Humangenetik und in der Kriminalistik verwendet wird. Mikrosatelliten sind kurze DNA-Abschnitte mit sich wiederholendem Motiv. Durch Mutationen können sich die Anzahl der Wiederholungen dieses Motivs und somit die „Fragmentlänge“ des betreffenden DNA-Abschnitts ändern. Ein Tier kann an einem solchen Abschnitt, auch Locus genannt, zwei verschiedene Fragmentlängen aufweisen, da das Kerngenom aus einer väterlichen und einer mütterlichen Kopie besteht. Mit der Untersuchung vieler Mikrosatelliten-Loci und einer computergestützten Auswertung lassen sich die Verwandtschaftsverhältnisse aufklären, ganz genau so wie bei einem Vaterschaftsnachweis beim Menschen.

Mithilfe von 14 Mikrosatelliten-Loci konnten wir zeigen, dass die adulten Batagur-Schildkröten meist nur sehr weitläufig miteinander verwandt sind. Ein guter Ausgangspunkt, um weiter zu züchten und die genetische Vielfalt innerhalb der Art zu erhalten. Auf dieselbe Weise konnten wir auch die Eltern zu den im Zuchtprojekt geschlüpften Jungtieren ermitteln, eine wichtige Voraussetzung, um ein Zuchtbuch für das Projekt „Batagur“ zu erstellen und die Verpaarung nahe verwandter Tiere zu vermeiden. Dabei konnten wir außerdem etwas Neues über die Art lernen: Wir fanden heraus, dass Jungtiere aus einem Nest von verschiedenen Vätern stammten; die Mutter muss also von mehreren Männchen erfolgreich begattet worden sein. Für die Zucht ist das ein großer Vorteil, da die Befruchtungsrate potenziell steigt und die genetische Vielfalt pro Generation größer ist.

Unentdeckte Vorkommen

Im Jahr 2013 gingen Fischern in Bangladesch drei Jungtiere der Batagur-Schildkröte ins Netz, was dafür spricht, dass zumindest noch wild lebende Weibchen existieren. Wild lebende Schildkröten und ihre Eiablagestellen zu finden und zu schützen, hat hohe Priorität. Anfang 2016 wurden dann an einem Strand, an dem die Art früher vorkam, Eierschalen gefunden. Nach einigen Versuchen gelang es uns, auswertbares Erbgut aus den Schalen zu gewinnen. Die genetische Analyse zeigte jedoch leider, dass die gefundenen Eierschalen nicht von B. baska stammen, sondern von der Meeresschildkröte Lepidochelys olivacea, die offensichtlich in derselben Flussmündung nistet. Ein Rückschlag, aber wir suchen weiter, denn jedes Individuum dieser beeindruckenden Tierart ist wichtig für deren Erhaltung. 

Cäcilia Spitzweg
Cäcilia Spitzweg
erlangte ihren Bachelor of Science in Biologie mit Schwerpunkt Genetik an der Technischen Universität Dresden. Mit dem Masterstudium an der Universität Rostock spezialisierte sie sich in Richtung Evolutionsbiologie. Für ihre Masterarbeit kam sie 2013 zu den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden. Dort war sie von 2014 bis 2016 als wissenschaftliche Volontärin in der Arbeitsgruppe von Professor Fritz beschäftigt und untersuchte die Artbildungsprozesse verschiedener Schildkrötenarten, wobei sie sich vorrangig genetischer Verfahren bediente. Zurzeit fertigt sie am gleichen Institut ihre Dissertation über Phylogeografie und Populationsgenetik zweier südafrikanischer Schildkrötenarten an.