Ausstellung in Tübingen
„In Tübingen bin ich Kustos einer Paläontologischen Sammlung geworden.“ Ingmar Werneburg

Von Natur aus Werneburg


Die Beschäftigung mit Naturphänomenen, ob auf künstlerische oder wissenschaftliche Weise, ist der Familie Werneburg in die DNA geschrieben: Als Nachkomme eines Naturlyrikers und eines Naturmalers sowie Neffe eines Naturmuseums-Direktors hat sich Ingmar Werneburg früh schon für Organismen und für deren Ästhetik interessiert. In diesem Gespräch mit Senckenbergs Online-Redaktion führt er die Leser*innen durch die ehrwürdigen Hallen des Jenenser Zoologie-Instituts, durch die noch immer der Geist von Darwins „Kampfhund auf dem Festland“, Ernst Haeckel, weht und wo Werneburg seine ersten wissenschaftlichen Schritte unternahm. Außerdem erfahren wir mehr über die Persönlichkeit Haeckels, seine Stellung zur Paläontologie sowie über uns selbst – die Spezies Mensch.

Herr Werneburg, könnten Sie uns Ihre aktuelle Tätigkeit einmal in fünf Verben beschreiben?

Lesen, denken, forschen, schreiben, publizieren (gleich nach kuratieren, dozieren, Anträge stellen).

Bei manchen Archäolog*innen oder Paläontolog*innen Ihrer Generation fing alles mit Indiana Jones oder spätestens mit Jurassic Park an. Wie war das bei Ihnen?

Als mein Interesse an der Natur erwachte, gab es bei uns noch kein „Westfernsehen“. Hinter unserem Plattenbau am Erfurter Herrenberg war ein kleiner Aufschluss, in dem ich fossile Schnecken fand. Jeden Knochen, jedes tote Tier im Wald nahm ich mit nach Hause und hatte so etwas wie ein kleines Naturalienkabinett aufgebaut. Mich interessierten weniger die einzelnen Arten und Unterarten, also weniger die taxonomischen Aspekte, als vielmehr die Formen der Organismen, ihre Ästhetik.

In meinem familiären Umkreis war die Nähe zur Natur vorgegeben. Mein Vater: ein Naturlyriker, mein Großvater: ein Naturmaler, mein Onkel: Direktor eines Naturhistorischen Museums. Ich besaß mehrere Naturbücher und versuchte, die Tiergruppen nach meinen eigenen Vorstellungen in Tabellen zu ordnen, was am Ende dem Kategoriensystem Carl von Linnés ähnelte. Ich dachte, ganz selbstverständlich, in Typen.

In der Schule präparierten wir Fische und Rinderaugen und wurden an die Evolutionstheorie herangeführt. Ein mehrmonatiges Praktikum bei der Schutzstation Wattenmeer in Husum brachte schließlich den Entschluss, Biologie zu studieren.

An der Universität Jena habe ich dann bei großartigen Dozenten – Martin S. Fischer, Lennart Olsson, Uwe Hoßfeld, Stefan Richter, Rolf Beutel, Stefan Halle – die Grundlagen der evolutionären Morphologie erlernt und mein ungerichtetes, kindliches Suchen wurde nun auf eine stabile wissenschaftliche Basis gestellt. In Jena studierte ich neben Biologie noch Ur- und Frühgeschichte, was in Thüringen, dem Schmelztiegel etlicher Völker Europas, besonders interessant war: Geschichte hinter jedem Stein.

 

Mein Vater: ein Naturlyriker, mein Großvater: ein Naturmaler, mein Onkel: Direktor eines Naturhistorischen Museums.

 

Löwenskelett in Ausstellung
Höhlenbärenskelette in der paläontologischen Sammlung, Tübingen

Es werden ja jeden Tag an verschiedensten Stellen der Welt Funde bei Grabungen gemacht. Ist es da nicht schwierig, auf dem Laufenden zu bleiben?

Die Fülle an täglich publiziertem Material ist enorm und es wird leider auch viel Unsinn veröffentlicht – die Anzahl der Publikationen ist vielerorts wie eine Währung, um Ansehen, Fördermittel oder Anstellungen zu erhalten.

Mit den Jahren lernt man, einen Überblick über die relevanten Forscher*innenpersönlichkeiten zu gewinnen. Ihnen und ihren Publikationen kann man auf sozialen Netzwerken wie ResearchGate folgen, um bestimmte Trends im eigenen, eng abgesteckten Forschungsfeld zu erkennen. Hier kann auch die künstliche Intelligenz, basierend auf meinen Suchanfragen, die eine oder andere wichtige Entdeckung in der Flut der Publikationen für mich ausmachen.

Einige Forscher*innen beschäftigen sich beispielsweise mit frühen Säugetiervorfahren aus dem Perm-Zeitalter. Hier kennt jede*r jede*n und man weiß, wo gerade Grabungen laufen, die eventuell relevantes Material zutage fördern könnten. Manche Forschende konzentrieren sich in ihrer Rezeption dann auf die Unterkiefer, andere auf die Wirbelsäule der Fossilien. Viele interessieren sich mehr für die Lebensbedingungen der ausgestorbenen Organismen: Paläoklima, Paläogeographie, etc. Seine wissenschaftliche Nische zu finden, ist ein fast evolutionärer Prozess.

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Medialer, histologischer Schnitt durch den Kopf einer Schnappschildkröte Chelydra serpentina mit einer Kopflänge von 31mm, aus: Werneburg et al. (2021)

 

Ich „grabe“ in den Tiefen der Geschichte meines Forschungsfeldes.

 

Graben Sie selbst auch aus?

Nein, als ausgebildeter Zoologe und Embryologe fehlt mir der primäre Zugang zu paläontologischen Grabungen, obwohl ich bereits bei einigen mitgemacht habe. Meine wissenschaftlichen Fragestellungen betreffen, wie oben angedeutet, weniger die Taxonomie bestimmter Fossilgruppen oder physikalische Parameter ihrer vergangenen Lebenswelt: Aspekte, die ein ausgebildeter Paläontologe mit Herzblut erforscht. Mir hingegen geht es um Gestaltlehre.

Ja, und in diesem Zusammenhang grabe ich auch. Ich „grabe“ in den Tiefen der Geschichte meines Forschungsfeldes. Im Gegensatz zu vielen modernen Naturwissenschaften sind die Publikationen, die in meinem Bereich vor 200 Jahren geschrieben worden, für mich äußerst relevant.

Plakat/ Poster Pareisaurus in Ausstellung
Pareisaurus-Poster in der paläontologischen Sammlung, Tübingen.

Warum?

In dieser Pionierzeit der Vergleichenden Anatomie sind grundlegende Dinge erstmals durchdacht worden. Mit modernen wissenschaftlichen Konzeptionen und analytischen Verfahren kann das Wissen der Vergangenheit neu betrachtet und erweitert werden. Dazu ist es auch wesentlich das Weltverständnis der damaligen Morphologen nachzuvollziehen. So ist die Vergleichende Anatomie im eigentlichen Sinne eine Geisteswissenschaft. Neben meiner wissenschaftshistorischen Arbeit „grabe“ ich auch in den Tiefen der Anatomie. Meine Werkzeuge sind aber nicht Hammer und Spaten, sondern Skalpell, ein Mikrotom für Gewebeschnitte, ein Mikroskop, modernste Computertomographie, biomechanische Simulationen mit entsprechender Software oder digitale 3D-Rekonstruktionen, um „unter die Haut“ der vor mir ausgebreiteten Tiere zu schauen. Da gehe ich prinzipiell wie ein Paläontologe vor, der eine gewisse Grunderwartung an „seinen Boden“ hat, aber auch unbefangen neue Entdeckungen zulässt.

Sie haben während Ihrer Laufbahn verschiedene deutschsprachige Universitäten kennengelernt. Was unterscheidet denn beispielsweise Jena von Tübingen?

Beide Städte haben den Vorteil, dass sie relativ klein und großenteils von Studierenden und Universitätsangestellten besiedelt sind. Das ist, zugegeben, in den Semesterferien etwas gespenstisch, aber beide Städte pulsieren ansonsten im Rhythmus des frischen Wissensdurstes und der idealistischen Ansichten vieler Forscher*innen. Tatsächlich fühle ich mich als Exil-Thüringer und Wahl-Tübinger in beiden Landstrichen zu Hause. Das liegt auch an der jeweiligen Lage in einer Mittelgebirgsregion mit ihren vielfältigen Naturerscheinungen und ihren komplexen Vorgeschichten.

Beide Universitäten haben unterschiedliche Forschungstraditionen in den jeweiligen Fachgebieten. In Jena, wo ich studiert habe, wurde die Biologie beispielsweise durch ganz andere Personen beeinflusst als in Tübingen. In Jena spürt man noch den bedeutenden Einfluss, den Goethe auf die Anatomie und die Botanik genommen hat. Nach Jena „verirrten“ sich die großen Morphologen Matthias Jacob Schleiden, Carl Gegenbaur und Ernst Haeckel. Diese Altväter unseres Fachbereichs haben Grundlegendes geleistet, was in den alten, noch genutzten Objektträgern für studentische Mikroskopierkurse oder auch in immer neu aufgelegten Lehrbüchern allgegenwärtig ist. Teilweise haben sie sogar ihre Institutsgebäude selbst entworfen.

Großes Fossil in Ausstellung
Fossiler Schwamm in der paläontologischen Sammlung, Tübingen.

In Tübingen bin ich nun Kustos einer Paläontologischen Sammlung geworden. Ich lerne über diese Institution nun auch die Geschichte dieser Universität kennen, die durch das Württembergische zwar anders, aber doch ähnlich wie Jena gewachsen ist. Die Zoologie hat in Tübingen andere Wege genommen, war aber hier im stetigen und natürlichen Austausch mit der Paläontologie. Die Fossilienforschung gibt es hier schon seit über 200 Jahren, was u.a. mit der Nähe zur fossilreichen Schwäbischen Alb zusammenhängt.

Fossil in Ausstellung
Fossil in Ausstellung
Fossil in Ausstellung
Zähne in Vitrine in Ausstellung

Sie sind auch auf einem Gebiet tätig, das im Vergleich zu den heutigen methodischen und technischen Möglichkeiten ziemlich „barock“ anmutet: Vergleichende Anatomie. Derartige Studien hat bereits Goethe angestellt. Ist da nicht schon längst alles gesagt worden?

In der Vergleichenden Anatomie (Morphologie), einer Grundlagenwissenschaft, geht es nicht um „Masse und Profit“. Der Begriff ‚Naturwissenschaft‘ sollte für die Morphologie mit ‚Naturforschung‘ ersetzt werden und ich erkläre gerne warum: Wir versuchen nicht, die Erdölnutzung zu optimieren, nicht den Automotor zu verbessern oder die Wirksamkeit von Medikamenten zu beweisen. Wenn ich einen Nerv im Kopf einer Schildkröte entdecke, so hat dies keine spürbare Auswirkung auf unser Wirtschaftssystem. Was barock erscheinen mag, ist vielleicht der speziellen Perspektive auf die Welt geschuldet. Wozu also dieses Fach der Vergleichenden Anatomie? Neugier und der Drang zur Erkenntnis sind die Grundwerte eines wahren Naturforschers: Ich habe in meiner Paläontologischen Sammlung oft Kinder und Schüler*innen zu Besuch, aber auch Erwachsene, die sich in die Vorzeit entführen lassen wollen. Ich zeige, was da im Erdaltertum kreuchte und fleuchte und erkläre, warum der Mensch nur ein Loch in der Schläfe besitzt, während der Dinosaurier zwei oder mehr Schädellöcher aufweist. „Wir haben ein Loch im Kopf?“, fragen die meisten, und wenn ich dann die funktionsmorphologischen Zusammenhänge, in dem Fall in Verbindung mit der Kiefermuskulatur, erkläre, entsteht ein „Aha-Effekt“. Die Besuchenden gehen bereichert nach Hause, reich an neuem Wissen, an neuem Verstehen, an Selbsterkenntnis. Das ist ein wertvolles Gut. Die Frage: „Wer bin ich?“, wird heute zu selten gestellt. Wir Morpholog*innen können zumindest eine Antwort darauf geben. Und wir werden unsere Antwort nach den neuesten Erkenntnissen der Vergleichenden Anatomie anpassen, kritisch hinterfragen, denn wir haben ja eine Verantwortung gegenüber den Suchenden, gegenüber uns selbst.

Die Grundlagen der Vergleichenden Anatomie wurden von den ersten Morphologen im vorletzten Jahrhundert gelegt. Einiges muss, aufgrund unserer evolutionistischen Weltsicht und modernen Methoden, heute neu überdacht werden, was manchmal zu interessanten Erkenntnissen führt. Aber es geht, wie gesagt, nicht um das Neue, sondern um das Besondere, was wir täglich neu begreifen, erforschen müssen.

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Das permische Reptil Captorhinus aguti. Links: Schädelmodell mit verschiedenen farblich gekennzeichneten Funktionsmodulen. Später in der Evolution entstanden Schläfenöffnungen in den markierten Feldern 1 bis 3, vor allem an den Schnittstellen dieser Module. Rechts: Lebendrekonstruktion von Captorhinus aguti von Markus Bühler.

Technisch sind wir in der Vergleichenden Anatomie gegenüber dem 19. Jahrhundert natürlich weit vorangeschritten. Computertomographie als erweiterte Grundlage der morphologischen Forschung habe ich bereits genannt. Auch können wir heute Geneexpressionen in sich entwickelnden Embryonen nachweisen und deren Veränderung nachvollziehen und neue strukturelle Verbindungen entschleiern. Dafür bedarf es freilich viel Geld, Zeit, Ruhe, Erfahrung und gutes Personal.

Jüngst habe ich mit mehreren japanischen Kollegen eine Arbeit veröffentlicht, für die wir ein altes Problem der Vergleichenden Anatomie neu untersucht haben. Es ging um den sogenannten Zwischenkieferknochen. Diesen Knochen hatte Goethe bei einem menschlichen Fötus entdeckt und damit bewiesen, dass der Mensch sich nicht groß von anderen Wirbeltieren unterscheidet. Anhand von Genexpressionen in Verbindung mit klassischer Mikroskopie und 3D-Rekonstruktionen haben wir an diesem Knochen dann neue Erkenntnisse zum Ursprung der Nase bei allen Säugetieren vorlegen können. So zeigte sich, dass mit der zunehmenden Reduktion dieses Knochens der vordere Schnauzenbereich bei Säugetieren entkoppelt und so, im Vergleich zu den Reptilien, eine größere Beweglichkeit und Differenzierung der Nase ermöglicht wurde. Als letztes Puzzlestück dienten dabei eine Reihe von Fossilien aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen, um eine stichhaltige Beweiskette führen zu können.

Mammut Kopf in Ausstellung
Mammut-Schädel in der paläontologischen Sammlung, Tübingen.

Die Frage „Woher kommen wir?“ begleitet den Menschen schon sehr lange, Gründungsmythen haben in der Menschheitsgeschichte eine immense Rolle gespielt. Was würden Sie schätzen, ab wann hat sich der Mensch die Frage gestellt, warum er doch anders, aber nicht gänzlich verschieden von anderen Säugetieren ist? Und aus welcher Zeit datieren die ersten Hinweise auf derartige Gedankenspiele?

Die Erkenntnis, dass der Mensch nicht viel anders ist als andere Säugetiere, wird entstanden sein, als sich das menschliche Denken in der Evolution herausbildete. Das war sicherlich ein langer Prozess. Oft wird argumentiert, dass dies mit der komplexen sozialen Organisation unserer Vorfahren zusammenhing. Die Hände wurden von ihrer lokomotorischen Funktion entbunden und für Zeichensprache, Werkzeugnutzung und Interaktionen in der Gruppe genutzt. Hinzu kam die Zähmung des Feuers und das gesprochene Wort. Die Schöpfungsmythen lassen sich, durch vergleichende Analysen, weit zurückverfolgen und „höhere Mächte“ sind als Höhlenmalereien und dergleichen bekannt.

Die Einbindung des Menschen in die Natur gilt bis heute und wurde wohl nie in Frage gestellt – selbst der gläubige Linné klassifizierte den Menschen bei den Affenartigen (zusammen mit der Randnotiz: „Erkenne dich selbst!“). Wo sich der Mensch aber in der Natur sieht, das ist abhängig von seiner jeweiligen Perspektive auf die Welt, die ethnisch, sozial, religiös usw. beeinflusst ist. Der Schock, der die westliche Welt durchfuhr, als Darwin einen menschlichen Ursprung aus der ‚Gruppe der Primaten‘ andeutete, war nicht unbedingt die Entrüstung über unser Primatenwesen, sondern der Perspektivenwechsel, unsere gesamte Welt als genetisch durch die Erdgeschichte miteinander verbunden sehen zu müssen. Die Ewigkeit wurde durch Zeitlichkeit ersetzt.

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Frisch erschienen: „Vorlesung über Paleontologie von Ernst Haeckel“ – eine Vorlesungsmitschrift.

Dieser Tage erscheint ein Buch, das Sie zusammen mit einigen Kollegen herausgegeben haben: „Vorlesung über Paleontologie von Ernst Haeckel“. Es handelt sich dabei um eine Vorlesungsmitschrift. Wer war dieser Ernst Haeckel, und vor allem: Wie stand er zu seinem Zeitgenossen Charles Darwin?

Der Jenaer Professor Haeckel war quasi der ‚Kampfhund‘ von Charles Darwin auf dem europäischen Festland und hat die Theorien zur Evolution weltweit verbreitet. Haeckel war u.a. Embryologe und beschäftigte sich vor allem mit wirbellosen Meerestieren wie den Quallen, die ja so gut wie nie fossil erhalten sind.

Die Rezeption der Paläontologie bei Ernst Haeckel war lange Zeit hindurch ein vernachlässigtes Thema in der Wissenschaftsgeschichte. Bisher fehlten neben einigen eher allgemeinen Kommentaren Haeckels in seinen Büchern und Aufsätzen klare Bezüge zur paläontologischen Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Darwinsche Theorie an Gestalt annahm und Haeckel über Jahrzehnte hinweg wirkte.

Erlauben Sie mir einige Worte zu Entstehung des Buch-Projektes: Ich erinnere mich leidenschaftlich an ein Seminar über „Die Entdeckung der Evolution“ im Jahr 2003, das ich bei Uwe Hoßfeld, Georgy Levit und unserem nun gemeinsamen Freund, dem Embryologen Prof. Lennart Olsson, als Student in Jena besucht hatte. Ich hielt dort einen Vortrag zu den ‚Ursprungsgedanken in der Antike‘ und über das Semester hinweg haben wir viel über die Entwicklung der Evolutionstheorie bis in die heutigen Tage gelernt. Der Geist Ernst Haeckels weht noch immer durch die Hallen des Zoologischen Instituts und des von Haeckel entworfenen Phyletischen Museums. Hier lernt man, wie anfangs erwähnt, noch die Klassische Zoologie, mit der Vergleichenden Anatomie und ihrer theoretischen Einbindung in die Ideengeschichte der biologischen Wissenschaften. Auch in Tübingen spürt man solch einen ursprünglich fruchtbaren Geist – der hier jedoch auch aus einer anderen Richtung weht.

Meine ehemaligen Lehrer aus Jena, Prof. Dr. Uwe Hoßfeld und PD Dr. Georgy Levit, haben sich Anfang des Jahres an Tübingen gewandt, da dieser Ort eines der Zentren der Paläontologie seit dem beginnenden 19. Jahrhundert darstellt. Haeckel kannte die Schriften der Tübinger Paläontologen Friedrich August von Quenstedt und seines Studenten Franz Hilgendorf, der den ersten paläontologischen Beweis für die Evolutionstheorie, auf den Charles Darwin so lange gewartet hatte, vorlegte.

Im Archiv der Russischen Geographischen Gesellschaft in St. Petersburg hatten meine Jenenser Kollegen eine Vorlesungsmitschrift des Studenten und später berühmten Ethnologen und Anthropologen Nikolai Nikolajewitsch Miklucho-Maclay entdeckt. Sie dokumentiert Haeckels Paläontologie-Vorlesung aus dem Sommersemester 1866 mit hervorragenden, von der Tafel übertragenen Zeichnungen des Studenten, die – neben den eigentlichen Notizen – die Didaktik und wissenschaftliche Konzeption Haeckels in Bezug auf die Paläontologie seiner Zeit erstmals im Detail dokumentieren.

Der Jenenser Lehramtsstudent Christian Udo Rehm, Mitherausgeber unseres Buches, hat für seine Staatsexamensarbeit kürzlich den Text des Vorlesungsskriptes im Detail transkribiert und die Skizzen der Mitschrift umgezeichnet. Es folgte ein umfangreicher Kommentarteil und eine wissenschaftshistorische Kontextualisierung.

Die Paläontologie und die Biologie gingen in Deutschland lange Zeit getrennte Wege – auch Ernst Haeckel hatte an dieser Entwicklung seinen Anteil – aber in Tübingen gelang vor nunmehr vierzig Jahren, durch Wolf-Ernst Reiff initiiert, eine Erweckung der deutschsprachigen Fossilforschung aus ihrem ‚konzeptionellen Dornröschenschlaf‘ hin zu einer Anbindung an die internationale Forschungslandschaft. Diesen Umbruch hat Uwe Hoßfeld als Post-Doc selbst noch erlebt, als er Mitte der 1990er Jahre in Tübingen bei Prof. Eve-Marie Engels forschte.

Was macht die Mitschrift so interessant für heutige Leser*innen?

Die Paläontologie befand sich Mitte des 19. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen. Vieles war bereits gefunden, aber sehr bruchstückhaft. Heute haben wir weit mehr Fossilmaterial, vollständigere und weltweite Funde, die ein umfangreiches Gesamtbild der ausgestorbenen Welt liefern. Auch besitzen wir heute Methoden und Techniken, um selbst unscheinbare Bruchstücke bestmöglich auszudeuten.

Das war zu Haeckels Zeit noch nicht möglich. Trotz anfänglicher Begeisterung für seine konzeptionelle Triade („dreifache Parallele“) aus Paläontologie, Vergleichender Anatomie und Embryologie rückte der Fossilbericht im Laufe von Haeckels persönlicher Entwicklung immer mehr in den Hintergrund. Die Entwicklung dahin wird in unserem Buch ausführlich dokumentiert.

Haeckel hatte, wie mein Kollege Georgy Levit zusammenfasst, nach einer universellen Evolutionstheorie gestrebt, die die Evolution des ganzen Universums erklärt. Paläontologie war ein wesentlicher Teil dieses Großprojektes, da sie die Evolution unmittelbar dokumentiert. Hier liegt der Unterschied zwischen Haeckel und Darwin: Darwin war exklusiv mit Evolutionsmechanismen beschäftigt. Bei ihm fehlte – im Gegensatz zu Haeckel – eine Theorie zur Entstehung des Lebens.

Dieses Buch ist das dritte in einer Reihe von editierten Vorlesungen. Die ersten beiden (THK-Verlag Arnstadt) bringen eine Anatomie des Menschen von Carl Gegenbaur und eine Zoologie-Vorlesung von Ernst Haeckel.

Der heutige Leser wird in allen drei Bänden den Ursprung und die Stellung der heutigen organismischen Forschung einordnen und die Entwicklung unseres Fachgebietes an der Wende zu der damals neuen evolutionistischen Weltsicht besser verstehen können. Vor allem aber sind es die wundervollen Zeichnungen und die Struktur der Vorlesungen, die uns in das Denken und Gestalten Haeckels und Gegenbaurs einführen.

Der Tod spielt ja eine große Rolle in der Evolution, man könnte ihn den Treibstoff der Evolution nennen. War das Wissen vom begrenzten Leben ausschlaggebend für die Entwicklung einer Evolutionstheorie?

Ein Ur-Primat, der beim Sprung von Ast zu Ast nicht die nötige räumliche Orientierung beherrschte, fiel vom Baum und war tot: Er konnte sich nicht fortpflanzen und so nicht zu unserem Vorfahren werden. Nicht der Tod, sondern das Leben treibt also die Evolution an, könnte man zugespitzt entgegnen. Das Wissen um ein begrenztes stoffliches Leben war sicher ein Grund für die Entstehung religiöser Vorstellungen. Die heutige Evolutionstheorie hat aber viele Ursprünge und ist eine Synthese von Erkenntnissen verschiedener Forschungsrichtungen. Die Beobachtungen um die Veränderlichkeit der Arten und zu ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden führten um das Jahr 1800 zu Auffassungen einer organisch-generischen Verbindung der Lebewesen zueinander und Darwin hatte viele bedeutende Vorläufer- und Nachfolger*innen. Aber die Evolutionstheorie ist keine neue Religion, falls Sie darauf hinauswollen. Sie ist eine andere Perspektive auf die Natur, eine rationale, die in keiner Konkurrenz zu den philosophischen Auffassungen des Menschen steht, sondern sie ergänzt.

Mit dem Auffinden und Erkennen erster Fossilien während der Aufklärung kamen verschiedene Überlegungen zu deren Ursprüngen und plötzlichem Verschwinden auf. Letzten Endes waren Fossilien aber ein wertvoller Hinweis auf die Veränderung von Organismen in der Erdgeschichte und die Paläontologie wurde ein wichtiger Teil in den Argumentationsketten Darwins.

Was steht als nächstes auf Ihrer Liste? Können Sie schon etwas über Ihre kommenden Projekte verraten?

Mit jedem Jahr, jedem Monat wachsen die Listen mit Ideen. Mein erster Lehrer in Jena, Prof. Fischer, riet mir, etwa alle zehn Jahre das Forschungsfeld zu wechseln, damit man nicht zu eingefahren forsche und sich im endlosen Detail verliere. Ich will mich demnächst auf eine monographische morphologische Arbeit konzentrieren. Parallel möchte ich meine jüngst neu gewonnene Begeisterung für die Wissenschaftsgeschichte weiterverfolgen. Sie glauben gar nicht, welche Schätze die Tübinger Paläontologie noch alles bereithält!

 

Die Fragen stellte Adrian Giacomelli

Referenzen

  • Ernst Seidl, Edgar Bierende, Ingmar Werneburg (2021, Hrsg.). Aus der Tiefenzeit – Die Paläontologische Sammlung der Eberhard Karls Universität Tübingen. Publikationen des Museums der Universität Tübingen (MUT). Tübingen, 526 Seiten. ISBN: 978-3-9821339-3-5.
  • Ingmar Werneburg, Pascal Abel (2022). Modelling skull network integrity at the dawn of amniote diversification with considerations on functional morphology and fossil jaw muscle reconstructions. Frontiers in Ecology and Evolution. Sections Paleontology + Evolutionary Developmental Biology 9: 799637. https://doi.org/10.3389/fevo.2021.799637

  • Ingmar Werneburg, Serjoscha W. Evers, Gabriel S. Ferreira (2021). On the “cartilaginous rider” in the endocasts of turtle brain cavities. Vertebrate Zoology 71: 403-418. https://doi.org/10.3897/vz.71.e66756 (Festschrift Wolfgang Maier)

Zur Person

PD Dr. Ingmar Werneburg ist seit 2016 Kustos der Paläontologischen Sammlung am Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenviroment und Dozent für Zoomorphologie an der Universität Tübingen. Er studierte in Jena, promovierte in Zürich und war unter anderem Postdoc in Kōbe/Japan und am Museum für Naturkunde in Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Morphologie und Entwicklung von Landwirbeltierschädel, der Rhythmus embryonaler Merkmalsentwicklungen in der Evolution und die Geschichte der Vergleichenden Anatomie.